Feridun Zaimoglu

„Für mich war der Islam in meinem Leben immer eine Kraftzufuhr“
Begegnung mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu wurde 1964 im türkischen Bolu geboren, ist in Berlin und München aufgewachsen, studierte ein paar Semester Medizin und Kunst und lebt seit vielen Jahren in Kiel. Der Schriftsteller, Publizist und begehrte Talkshow-Gast liebt es provokativ. 1997 erhielt er zusammen mit Thomas Röschner den civis Hörfunk- und Fernsehpreis für den Beitrag „Deutschland im Winter – Kanakistan. Eine Rap-Reportage“. In der Spielzeit Herbst 1999 war Feridun Zaimoglu Hausautor im Nationaltheater Mannheim, 2003 Inselschreiber auf Sylt. „Kanak Sprak“ wurde vom DeutschlandRadio als Hörspiel produziert und mehrmals für das Theater bearbeitet. „Abschaum“ wurde von Lars Becker mit dem Titel „Kanak Attack“ verfilmt und kam 2000 in die Kinos – Feridun Zaimoglu ist Mitautor des Drehbuchs. 2003 erhielt er den „Preis der Jury“ bei den Klagenfurter „Tagen der deutschsprachigen Literatur“. Am 17. Februar 2005 wird ihm der mit 15.000 Euro dotierte Adelbert-von-Chamisso-Preis verliehen, der das deutschsprachige literarische Werk von Autoren, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, ehrt.

Eren Güvercin: Sie waren sieben Monate alt, als sie nach Deutschland kamen. In was für einem Umfeld sind sie aufgewachsen? Was waren Ihre prägenden Kindheitserlebnisse?

Feridun Zaimoglu: An die ersten vier Jahre in Westberlin kann ich mich nicht erinnern. Mein Vater war vorgegangen, zweieinhalb Jahre vor der eigentlichen Familienzusammenführung. Er hatte in Berlin ein Praktikum in der Lederverarbeitung gemacht und ist dann sofort bei BASF eingestiegen. Ich kam Ende 1964 zur Welt. Mitte 1965 fand die Familienzusammenführung statt. 16 Monate später ist meine Schwester in Berlin zur Welt gekommen. Die ersten Jahre in Berlin-West kenne ich nur vom Hörensagen beziehungsweise von den Auswirkungen, die sie bei meinen Eltern hatten. Wir wohnten damals in einem Gastarbeiterlager. Das waren nach Geschlechtern getrennte Wohnheime. Meine Mutter war Putzfrau in einem Gastarbeiterlager und mein Vater hat bei BASF als stinknormaler Gastarbeiter gearbeitet. Das waren die ersten Jahre. Für meine Mutter war es eine Art große Enttäuschung, weil sie natürlich mit gewissen Bildern, die mein Vater auch immer genährt hat, hierher gekommen ist und dann sehen musste, dass es sehr hart zugeht, dass es keinesfalls so ist, dass sie von einer Kleinstadt nach Europa kommt. Also die erste große Erfahrung war eigentlich, dass Deutschland nicht Europa ist. Und noch immer wirkt es nach, weil ich der Meinung bin, dass die Deutschen nicht Europäer sind. Sie sind keine Europäer, ich bin es auch nicht. Ich werde nie ein Europäer sein, und will es auch nicht.

Als Schüler wurden Sie einmal von ihrem Deutschlehrer nach ihrem Berufswunsch gefragt. Sie hatten daraufhin geantwortet, dass sie gerne etwas mit Literatur und Kunst machen würden. Er hatte ihnen jedoch dann geraten, besser doch eine Kfz-Lehre zu machen. Wie haben Sie in diesem Moment darauf reagiert?

Feridun Zaimoglu: Da ich mich an diesen Moment nicht genau erinnern kann, muss er nicht traumatischer Natur gewesen sein. Wahrscheinlich habe ich diesen Augenblick einfach übergangen. Es ist in meinem bisherigen Leben auch typisch, dass wenn mir denn Widerstand entgegen kommt, ich nicht soviel Zeit damit verliere, mich da aufzuhalten, sondern versuche durch eine gewisse gewiefte Art der Partisanentechnik zwar nicht einen Bogen drumherum zu machen, aber es so zu machen, wie ich es für besser halte. In diesem besonderen Fall war es kein guter Ratschlag. Und wie es sich dann später herausgestellt hat, habe ich mich nicht daran gehalten. Ich habe mir natürlich gedacht, na ja gut, es existiert ein bestimmtes Bild – den Türken an und für sich, der sich besonders für das Handwerkliche eignet, und insofern lag es für ihn nahe, mir diesen Vorschlag zu unterbreiten. Aber es hat mich nicht groß bekümmert. Sonst wäre mir dieses Erlebnis als großer Einschlag in Erinnerung geblieben.

Nach ihrer ersten Veröffentlichung „Kanak Sprak“ standen sie plötzlich in der Öffentlichkeit, und es gab positive, vor allem aber negative Reaktionen darauf. Wie haben Sie diese Situation empfunden, plötzlich im Rampenlicht der Öffentlichkeit zu stehen?

Feridun Zaimoglu: Ich habe nicht mit der heftigen Kritik gerechnet. Natürlich bin ich damals kein Waisenknabe gewesen und wusste, dass es bei diesen Schriften auch Gegenreden aus dem Publikum geben wird. Zunächst einmal gab es keine guten Kritiken. Man hat mich sogar als Satiriker, als Soziologen, als Sozialarbeiter hingestellt, um mir eine gewisse literarische Relevanz abzusprechen. Darum ging es mir ja von Anfang an. Oder aber man hat mich als den „Kieler Poeten“ beschrieben, um zu sagen, dass ich aufgrund der Provinzialität mir gar keine Meinung machen könne und auch gar nicht über die Türken sprechen könne. Und dann habe ich natürlich für Verwirrung gesorgt, weil ich eben nicht als Türke aufgetreten bin, sondern auch damals keinen Hehl daraus gemacht habe, dass ich ein Deutscher mit türkischen Eltern bin. So, da hatte ich den Salat, und selbstverständlich war ich nicht darauf gefasst, aber ich habe es geliebt. Und ich liebe es immer noch. Ich liebe es immer noch, mich mit Menschen zu streiten, denn so wenig die Verhältnisse da draußen eine Kuschelveranstaltung sind, so wenig mag ich es auch – vor allem wenn ich auf dem Podium sitze – einen Orchestergraben herbeizuzaubern, sodass Distanz zwischen mir, dem Alphamenschen, und dem Menschen im Publikum herrscht. Also von Anfang an ging es um harten Fight. Das stimmt wirklich. Ich habe hunderte von Lesungen an ungewöhnlichen Orten bestritten. Nicht in Literaturhäusern, weil man mich eben nicht den Literaten zuschlug, und weil ich nicht erwartet habe, dass die Türkisch- oder Kurdischstämmigen in diese „Belle étage“-Häuser kommen. Ich bin hingegangen und habe in Jugendhäusern gelesen, in Schulen, im Osten wie im Westen, und ich habe auch in Universitäten gelesen. Die heftigsten Anfeindungen kamen von Türkischstämmigen, die ich als integrierte Assimil-Zombis auch beschimpft habe, denn für mich war es furchtbar, mit anzusehen, wie Kinder von Arbeiterbauern das kleinbürgerliche Programm nachzeichneten. Mir ging es immer schon auf die Nerven, wie sie sich verzeichnet haben, wie sie sich verkrümmt haben, wie sie etwas gelebt haben, dass an sich verlogen war; und das sie auch unwahrhaft machte. Ihre Argumente waren in meinen Augen falsch und das habe ich dann offen ausgesprochen. Selbstverständlich bekam ich dann zu hören, dass ich den Türkenproleten, den Kanakenproleten auf der Straße oder sogar den Moslemradikalen auf der Bühne inszenieren oder darstellen würde. Ich hatte meine Freude daran. Aber es kam auch zu übler Nachrede. Es kam zu Verleumdungen. Spätestens dann, als ich mit dem zweiten Buch auf den Markt kam; mit „Abschaum“, dem Buch über einen kleinen Gangster mit dem großen Traum nach dem großen Durchbruch, spätestens danach war die Hölle los.

Wie schätzen Sie das Verhältnis zwischen Ausländern und Deutschen in dieser ökonomisch schwierigen Zeit ein?

Feridun Zaimoglu: Die Rechnung der Herrschenden ist immer aufgegangen, zu jeder Zeit und in jedem Land, die armen Schweine unten gegeneinander in Stellung zu bringen. Soziale Probleme waren ethnisiert. Das ist mittlerweile eine Binsenweisheit, die sogar Erstsemester in Cultural Studies mitkriegen. Was sehe ich jetzt? Ich sehe, dass man in Deutschland sehr weit ist. Ich sehe, dass vor allem unter den jüngeren Semestern, bei den jüngeren Menschen diese ethnische Differenz keine Rolle spielt, oder erst dann eine Rolle spielt, wenn die Beteiligten großen Wert darauf legen. Ich bin der Meinung, dass wir mitten in einer heftigen Sozialerosion sind, und damit einhergehend wird es natürlich ziemliche soziale oder gesellschaftliche Aufwürfe geben. Das heißt, einst entdeckte man die national befreiten Zonen in manchen Gebieten Ostdeutschlands, und wir sehen jetzt, dass natürlich gewisse Parteien, dass Rechtsextreme daraus Kapital schlagen. Wir sehen sogar, dass die bürgerlichen Parteien über die böse Zuweisung auch Stimmen gewinnen oder Stimmungen machen wollen. Ich bin der Meinung, dass es zu diesem Spiel dazu gehört; es wird nur heftiger werden. Also in den nächsten Jahren wird es zu noch größeren Massenentlassungen kommen und die Unzufriedenheit wird dann einen bestimmten Kippmoment erreichen. Was danach passiert, weiß ich nicht. Auf dem Weg dahin sehe ich, dass viele bürgerliche Kräfte auch versuchen, Fremde gegen Einheimische in Stellung zu bringen. Die Realitäten in Deutschland sehen mittlerweile so aus, dass man nicht so ohne weiteres aus dem Fremden Kapital schlagen kann.

In einer Rezension zu ihrem Buch „German Amok“ hatte Beckstein von der Lebenslüge der multikulturellen Gesellschaft gesprochen. Was halten Sie von der Multi-Kulti-Träumerei der linksalternativen Szene?

Feridun Zaimoglu: Erst einmal muss ich sagen, dass ich mich mit Herrn Beckstein sehr oft und sehr heftig gestritten habe. Es macht ihn nicht besser, wenn er eine Wahrheit ausspricht, nämlich die Wahrheit, dass für mich – wie ich dann nicht müde werde, festzustellen – der Multikulturalismus die Koexistenz der Speisekarten ist. Er weist zurecht darauf hin, dass dieser Multikulturalismus – vielleicht mit guter Absicht konzipiert – sehr schnell aber zu einer lächerlichen Idee kippte, zur einer Ohnmachtsgeste von Menschen, die einen Migrantenverein nicht mal von innen gesehen haben. Und das ist auch mittlerweile bis in die Seminare der Cultural Studies eingesickert, dass man jetzt nicht unbedingt von multikulturellem Leben in Deutschland reden kann. Es ist lange her, dass ich diesen Begriff gehört habe. Natürlich müssen die Ausländerbeauftragten immer wieder mit diesem Unsinnswort operieren. Was soll das bitte schön sein? Man möchte hier Kulturen gegeneinander stellen, ja und dann was? Dann kommen die Menschen, dann kommen die Passanten und sie gehen durch diese Kulturen und wieder raus. Diese Kultur hat einen Eingang und einen Ausgang. Ich gehöre nicht zu denen, deshalb habe ich die Multikulturalität auch bekämpft. Ich gehöre nicht zu denen, die er Ansicht sind, dass man jede Kultur nehmen und auf ihre Eurokompatibilität hin untersuchen und verändern lassen muss; das glaube ich nicht. Deshalb bin ich auch ein erbitterter Gegner des Euro-Islam, der für mich auch eine Kopfgeburt ist und eigentlich letztendlich nur die Kopfgeburt von irgendwelchen Wichtigtuern, die – irgendwie glaube ich – zu oft in die USA gereist sind, viele amerikanische Bücher gelesen haben und jetzt in Deutschland damit glänzen wollen. Ich wünsche diesen Professoren alles Gute, aber ich kann ihnen nicht unbedingt Gedanken, Schliff und Brillanz unterstellen; wahrlich nicht.

Sie werden oft als der „Malcolm X der Türken“ bezeichnet. Was halten sie davon? Sehen Sie sich als Vorbild für die Jugendlichen mit Migrationshintergrund?

Feridun Zaimoglu: Jedes Vorbild macht sich lächerlich. Dieses „Malcolm X der Türken“ oder „Rudi Dutschke der Deutschländer“, das war in den ersten Jahren, also 1994 bis 1997/98, eine Zuschreibung unter vielen. Ich konnte mich mit dieser Zuschreibung anfreunden. Wieso? Für mich ist Malcolm X ein Vorbild, vor allem ab seiner Wallfahrt nach Mekka, aber auch davor. Für mich ist er ein wahrhaftiger, wunderbarer, vorbildhafter Moslemmann. Ich würde mir nicht anmaßen, mich mit ihm vergleichen zu lassen. Wie kam diese Zuschreibung zustande? Journalisten, Redakteure der Zeitungen und Zeitschriften sind in die besagten Lesungen gekommen und haben gesehen: „Meine Güte, was geht denn hier ab?! Das sind keine normalen Lesungen, das sind ja fast schon Saalrevolten.“ Ich habe versucht, in die Rollen hineinzuschlüpfen und mich nicht hinter den Figuren zu verschanzen und es vorzulesen wie in einem Vortrag. Es ist eigentlich der großen Erschütterung und Verwunderung der Redakteure von überregionalen Zeitungen geschuldet, dass ich dann sehr bald zur dieser Auszeichnung kam. Und ich muss ehrlich sagen, dass war gar nicht so verkehrt. Es war nicht falsch, weil sehr viele Leute dann plötzlich – ich habe diesen Schub ja gesehen – nachdem es in den Zeitungen stand, zu den Lesungen gekommen sind, um diesen wilden „Tamtam Bruder“ mitzuerleben. Ich habe ihnen den Gefallen getan, weil ich es wirklich wollte. Aber um noch einmal es abschließend zu sagen: Als Vorbild tauge ich nicht. Es beschämt mich sogar, das festzustellen. Ich sage das nicht aus Gründen der Koketterie. Man sollte sich an andere Vorbilder halten, dann hat man ein besseres Leben.

Über die Türkei wird momentan kontrovers diskutiert. Was denken sie über die mögliche EU-Mitgliedschaft der Türkei, als jemand, der beide Seiten kennt?

Feridun Zaimoglu: Ich habe auf diese Frage, und die Frage wurde mir immer wieder gestellt, immer aus dem Gebot heraus versucht, zu antworten, aus dem Selbstverständnis heraus, ein Deutscher zu sein. Und das ist sehr wichtig festzustellen, weil ich sagen muss: Die hier lebenden Türkisch- und Kurdischstämmigen, die geradezu jubeln, den Glauben an die EU-Beitrittsverhandlungen herbeigebrüllt haben, haben den größten Fehler ihres Lebens gemacht. Das muss man sich mal vorstellen: Wissen sie denn nicht, was passiert, wenn diese dynamischen Kräfte aus der Türkei, aus den Großstädten hierher kommen? Wissen sie denn nicht, dass sie die ersten Opfer sein werden? Wissen sie denn nicht, dass sie jetzt schon mit den Fingern auf die Türken aus der Türkei zeigen und sie als Bauern bezeichnen, als Idioten, die das Bild der Türken im Ausland falsch wiedergeben? Doch, sie wissen es, aber weil die Türken eben manchmal eher emotional sind, weil sie erst gar nicht nachdenken und zuerst drauf losschreien, brach ein solcher Jubel in den türkischen Gemeinden in Deutschland aus, dass ich geradezu wütend wurde. Denn wenn man mal ehrlich sein will, ehrlich mit sich und ehrlich mit diesem Land, kann man auf diese Frage keine eindeutige Antwort geben. Man kann aber eine klare Position beziehen. Ich habe dazu gesagt: Ich kann keinen deutschstämmigen Deutschen des Populismus beschuldigen, wenn er in diesen wirtschaftlich wirklich herben Zeiten einfach nur auf die Not in diesem Land hinweist und sagt: „Meine Güte, die deutsche Einheit ist noch nicht vollbracht.“ Das ist eine große gesellschaftliche Lüge, vor allem die Lüge der Politiker; die deutsche Einheit ist noch lange nicht vollbracht. Vor Kurzem hat die EU-Osterweiterung stattgefunden, und darüber sind wir nicht glücklich. Und jetzt reden wir über die Türkei. Wir wissen natürlich – hoffentlich wissen alle Beteiligten – dass nur in 10 bis 15 Jahren von einer EU-Aufnahme die Rede ist. Aber auch an dieser Stelle weise ich eher auf die Idioten in diesem unseren Tollhaus Deutschland hin, und sage, dass man das bedenken muss. Dann muss man bedenken, dass der historische Feind, den vor allem als liberal geltende Sozialwissenschaftler ins Spiel bringen, längst tot und begraben ist. Den historischen Feind gibt es nicht. Aber was gibt es? Es gibt selbstverständlich – da kann man es drehen und wenden wie man will, und mit billigem Humanismus kommen wir nicht weiter – eine andere kulturelle Prägung, eine andere kulturelle Kulisse. Und diese Kulisse ist was? Es ist der Islam. Es ist nunmal so. Es ist nunmal so, dass wir es mit zwei Glaubenssätzen zu tun haben. Das Wort Religion nehme ich nicht so gerne in den Mund. Wenn ich mich als deutschen Moslem bezeichne, wenn ich mich als islamisch geprägten, türkischstämmigen Deutschen bezeichne – es wird immer länger, wie sie sehen -möchte ich selbstverständlich damit zum Ausdruck bringen, dass ich, egal wie lange ich hier lebe, bestimmt nicht vom meinem Glauben abrücken werde. Und wenn man hier – das ist an die Adresse der Menschen gerichtet, die noch irgendwelche linksverquere An- und Absichten haben – wenn man erwartet, dass die Türken-Janitscharen so eine Eurokompatibilität aufweisen sollen, dass man es plötzlich mit einem christianisierten Islam zu tun hat, dann glaube ich, werden sie nicht nur eine, sondern mehrere Ewigkeiten warten müssen. Das wird nie passieren und ich finde es gut; ich finde es sehr gut. Ich stelle in diesem Kontext, in diesem Diskurs fest: „Türkei: ja oder nein“ wurde mit verdeckten Karten gespielt, statt offen zuzugeben: „Ja, verdammt nochmal! Wir haben Angst, wir haben jahrhundertelang Kriege geführt.“ Wir können doch nicht so tun, als wären die Türken immer überzeugte Europäer gewesen. Also man muss doch bitte schön die Frage aufwerfen. Bis vor hundert Jahren war die Türkei nicht Europa, und darauf waren diese Leute auch stolz. Und man war hier stolz, nicht dem vorderasiatischen Raum zugeschlagen zu werden. Wenn man offen dieses problematische Thema bespricht, dann muss man die Unterschiede – es gibt ihrer viele – auch bitte schön zur Sprache bringen. Und das wird unter den Gebetsteppich gekehrt. Es wird nicht darüber gesprochen. Der Türke ist entweder gut oder böse. Oder er ist so verzeichnet, lauwarm und man vergisst es: wenn wir über die Türken reden, reden wir über ein tatsächlich islamisch geprägtes Volk. Ob das schlecht oder gut ist, da gehen die Meinungen auseinander. Ich persönlich sage: gut.

Was bedeutet der Islam für Sie? Viele Muslime in Deutschland werden sich fragen, was hat Zaimoglu mit Islam zu tun, aufgrund der teilweise derben Sprache, die sie in ihren Büchern verwenden. Was würden sie diesen Leuten sagen, die sich in dieser Form moralisch geben?

Feridun Zaimoglu: Ich würde sagen: Ich gehöre nicht zu denen, die den Islam als butterweiche Schlafzimmerreligion ansehen. Ich glaube da herrscht ein Missverständnis. Ich bin eher der Meinung, dass ich als Moslem angepeitscht bin, und dass ich wenig mit einer viktorianischen Empfindsamkeit und diesen wachsweichen Gefühlen zu tun habe; ich hatte immer wenig damit zu tun. Diese Leute, diese moralisch empörten Menschen, diese jederzeit moralisch provozierbaren Menschen sieht man in allen möglichen Lagern, in allen politischen wie religiösen Lagern. Ich kann aber nur sagen, für mich war der Islam in meinem Leben immer eine Kraftzufuhr. So habe ich es erlebt, und meine Eltern, die volksfromm sind und nicht mehr, haben mich auch in diesem Geiste erzogen. Dass es nur einen Gott gibt, verdammt noch mal, ja es gibt nur Einen, und man kann über griechische Philosophie streiten, das bedeutet aber nicht, dass man plötzlich das heidnische Trinitätsdogma ins Spiel bringt. Ich habe sehr früh gesagt, dass ich mir das verbitte. Religion ist in der Wurzel keine Philosophie. Religion übersteigt die Philosophie. Und wenn man philosophische Aspekte oder alte Moralvorstellungen ins Spiel führt, dann muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man als verknöcherter Traditionalist oder als sensibles Muselmännchen bezeichnet wird. Aber wahrscheinlich kippt man gleich zur Seite vor Schreck, wenn man auf das erste Schimpfwort stößt. Ich lege großen Wert darauf, dass es meine persönliche subjektive Meinung ist. Den Islam als einen Glauben zu verstehen, der weder mit der Spaßmacherfraktion mit ihren blöden Glückspillen und Glücksversprechungen zu tun hat, noch mit christianisierten Moslems. Tut mir leid, ich bin da immer wählerisch gewesen, weil ich weiß, dass andere Menschen auch wählerisch sind, und auch den Umgang mit mir nicht gesucht haben, weil sie sahen, dass dieser Mensch eher einem Höllenhund gleicht, vor allem wenn er das Maul aufreißt. Da komme ich dann zu einer anderen Zuschreibung im Sinne von „Malcolm X der Türken“. Da hieße es, ich sei der Alptraum der Schwiegermütter, und Cem Özdemir der Traum der Schwiegermütter. Das sehe ich auch so. Ich kann es verstehen, ich kann es sehr gut verstehen, dass man, wenn man diese Bücher aufschlägt, diese Bücher liest, einen Schluckauf bekommt. Aber der Schluckauf geht wieder weg. Es ist ja alles eine Geschmackssache. Nur der Glaube an Gott ist jenseits der Geschmacksfrage. Da hört der Spaß auf.

Was für Erfahrungen haben Sie in Deutschland mit Muslimen gemacht?

Feridun Zaimoglu: Zunächst einmal haben sie mich angewidert. Sie waren schlecht angezogen, und wenn man in die Moscheen ging, stellte man fest, dass eine der Eigenschaften der moslemischen Männer ist, sich die Füße nicht zu waschen. Stinkende Socken in der Moschee, eine Katastrophe. Zunächst einmal wollte ich nichts mit diesen Menschen zu tun haben, die zwar ein weißes Häkelkäppchen auf dem Kopf hatten, aber ansonsten rumliefen wie Ekel-Alfred. Sie sind immer noch, leider muss man sagen, nicht nur schlecht gebildet und der deutschen Sprache nicht so mächtig, aber das alles macht nichts, man soll ihnen diesen Vorwurf nicht machen. Man sollte sie in Ruhe lassen, das sind Rentner, sie sollen ihren Lebensabend genießen. Was ich aber bei den jüngeren Moslems immer noch sehe, ist, dass sie eigentlich eine optische Katastrophe darstellen. Aber ich sehe auch, sowohl bei Männern als auch bei Frauen, dass sie darauf achten, dass sie jetzt auch da nicht ihren Glauben christianisiert haben, in dem Sinne: „Ach, alles Irdische ist schlecht! Wir alle sind in Sünden verstrickt, also was sollen wir noch auf diese vergänglichen Sachen wie Kleidung, Aussehen und Körperpflege achten.“ Nein, sie pflegen sich. Ich treffe immer mehr gepflegte und wilde Moslems. Und das ist für mich eine Augenweide. Nach der einen oder anderen Schimpftirade von mir sei mir Selbstkritik auch erlaubt: Ich bin ein in vieler Hinsicht verhinderter Moslem. Ich bin – deswegen sagte ich auch Eingangs, dass ich als Vorbild nicht tauge – ich bin ein Mensch, der das Kerlhafte bei den Männern und das Weibliche bei den Frauen äußerst schätzt. Und gleichzeitig aber auch soviel Phantasie hat, da auch gewisse Nuancen zuzulassen. Ich bin ein… na wie soll ich sagen, ich bin altmodisch in dem Sinne, dass ich mir eine Liebe unter Menschen nur zwischen Männern und Frauen vorstellen kann. Und alle anderen Liebesvarianten kommen mir sehr komisch vor. Aber damit kann ich jetzt nicht glänzen, weder in der türkischen noch in der deutschen Gesellschaft, denn man nennt mich dann den klassischen Vollidioten. Ich bekenne mich auch dazu, auch ohne Koketterie. Ich bin insofern auch ein verhinderter Moslem, ein überzeugter Moslem, aber verhindert, weil leider Gottes sehr viel Maulfrömmigkeit mit hineinspielt. Auf gut Deutsch, ich kann nicht alle Gebote und Verbote achten, und manchmal zerknirscht mich das. Ich muss es zugeben. Ich finde es schade, so spießig das klingen mag, ich finde es schade. Ich hoffe, dass es sich ändern wird …

Wie sehen Sie momentan die Lage der Muslime in Deutschland?

Feridun Zaimoglu: Was mir sehr angenehm aufgefallen ist, dass es nicht zu einer anti-islamischen Hysterie in Deutschland gekommen ist. Man mag mich berichtigen, von einzelnen Fällen abgesehen – dass man arabisch aussehenden oder orientalisch aussehenden Männern jetzt nicht unbedingt sein Zimmer oder seine Wohnung vermieten wollte, und wie schade das auch ist, kann man das in gewisser Weise nachvollziehen – ist es in Deutschland nicht zu einer Anti-Islam-Hysterie gekommen. Bei aller Polemik im öffentlichen Diskurs und bei allen Verzeichnungen, die diese kontrovers geführten Gespräche mit sich bringen, finde ich, dass ein sehr offenes Gespräch stattfindet. Wobei ich nicht unbedingt unseren Innenminister Schily zu den offenen Diskutanten zählen würde, das ist er sicherlich nicht. Seine Arroganz ist schon beachtlich. Aber ich glaube, es findet in Deutschland kein Kulturkampf zwischen Fraktionen statt. Im Gegenteil, ich reise viel durch die Republik, und im Zuge dieser Lesetouren stoße ich immer wieder auf Menschen, auf Gläubige, mögen sie orthodoxe Moslems sein, mögen sie traditionelle Moslems sein, mögen sie politisierte Moslems sein usw. – es gibt ja viele Erscheinungsformen-, die mir dann berichten, dass es wirklich zu einer Begegnung – nein nicht Begegnung, das ist ein zu heuchlerisches Wort – dass es zu einer großartigen Auseinandersetzung kommt. Hier in Deutschland weist man ja immer auf andere Länder, in denen das Ganze ja so toll abgehen soll, wie Frankreich, England oder sogar ausgerechnet die USA hin. Ich kann in diesem Zusammenhang sagen, dass ich sehr froh bin, in Deutschland zu sein.

Sie treffen in ihren Lesungen sehr viele Jugendliche aus ganz Deutschland, vor allem auch muslimische Jugendliche. Wie kann man in dieser turbulenten Zeit die muslimischen Jugendlichen vor den beiden Extremen schützen, auf der einen Seite Esoterik und totale Aufgabe der eigenen muslimischen Identität und auf der anderen Seite ein politisierter Fanatismus?

Feridun Zaimoglu: Ich glaube, man muss sie gar nicht schützen. Denn die meisten sind so verständig und vernünftig, dass sie selbst darauf kommen. Ich glaube, dass was für die deutschstämmigen deutschen Jugendlichen gilt, auch für die türkischstämmigen gilt: ein großer Pragmatismus. Das heißt, sehr viele fragen sich, was hat das, was ich jetzt sehe, was haben diese Dogmen, diese Extreme mit meinem alltäglichen Leben zu tun. Und schon an dieser Frage scheitern viele Versuche der Manipulation. Die Extremisten, also die Softextremisten und die Radikalextremisten, sie bilden zusammengenommen, und darauf muss man immer aufmerksam machen, eine Minderheit innerhalb einer Minderheit. Hinzu kommt aber folgendes: Wenn man den Fernseher einschaltet und sich die amerikanischen Besatzungsdemokraten im Irak und die israelischen Besatzungsdemokraten in Palästina ansieht, dann wird man bestimmt nicht zum überzeugten Anhänger der Demokratie. Nur aufgrund der Bilder. Aber sogar da, wo es um die Macht der Bilder geht, sehe ich, dass die meisten Jugendlichen in der Lage sind, das Gute und Schlechte zu unterscheiden und sich selber ein Bild zu machen. Aber auch da bitte ich, gewisse unangenehme Wahrheiten nicht weg zu kuscheln. Es ist tatsächlich so, dass eine Großmacht, die für sich beansprucht, die größte Demokratie der Welt zu sein, einen Imperialismus wie aus dem Bilderbuch an den Tag gelegt hat. Ich bitte auch zu berücksichtigen, dass es bestimmt nicht Antisemitismus ist, und auch keine Judenfeindschaft ist, wenn man auf die unhaltbaren Zustände in Palästina hinweist. Wenn man das zur Sprache bringt, dann stößt man natürlich auf Widerstand. Und auch viele Jugendliche in den deutschen Großstädten, vor allem die Jungs, haben es als einen Schlag ins Gesicht angesehen, als die Amerikaner im Grunde genommen das Völkerrecht gebeugt und tausende von Zivilisten weggebombt haben. Bei allem Pragmatismus muss man selbstverständlich auch bedenken, dass die Jugendlichen nicht apolitisch sind, sondern sie sehen sich das genau an. Aber ein wie auch immer gearteter Fanatismus wird sich nicht einstellen, aber eine gewisse, nicht verlogene, politische Ansicht. Man kann auch diesen Jugendlichen nicht vormachen, dass alles mit rechten Dingen vorgeht. Man kann auch nicht erwarten, dass die Türken-Janitscharen in den Großstädten sich jetzt erheben, im Sinne einer politischen Bewegung. Noch kann man ihnen unterstellen, dass sie nicht wüssten, wie der Hase läuft. Sie wissen es ganz genau. Die Bauernschläue, die das Türkische mit sich bringt, schützt sie auch vor den Gefahren einer Fanatisierungsinfektion.

Sehr geehrter Herr Zaimoglu, vielen Dank für das Interview!

Veröffentlicht in: Islamische Zeitung, 28.10.2004.

06.04.2006

Gespräch mit dem Regisseur Neco Celik und dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu über ihr Stück „Schwarze Jungfrauen“

Seit einigen Wochen ist Feridun Zaimoglus neuer Roman „Leyla“ im Buchhandel erhältlich. Nach einigen Tagen schon wurden an die 20.000 Exemplare verkauft, und auch die Resonanz in den Feuilletons ist sehr positiv. Lange wurde Zaimoglu nur belächelt und nicht ernst genommen, weil es nicht seine Art war, dem Mainstream zu folgen. Nun wird er sogar als „eine der wichtigsten literarischen Stimmen deutscher Gegenwart“ (Berliner Zeitung) bezeichnet. Zaimoglu schreibt nicht nur Romane. Er hat bisher auch zahlreiche Theaterstücke geschrieben. Im Hebbel-Theater in Berlin wird momentan „Schwarze Jungfrauen“ aufgeführt, das von dem Berliner Filmemacher Neco Celik inszeniert wurde. Neco Celik war Anfang der 90er Jahre Mitglied in der Jugendgang „36ers“. Nachdem er seinen Schulabschluss nachgeholt hatte, arbeitete er zehn Jahre als Sozialarbeiter in einem Jugendzentrum in Kreuzberg. Das Filmhandwerk hat er sich selber beigebracht. Zuletzt produzierte er die Reportage „Kreuzberger Nächte – Junge Türken in Berlin“ für die ZDF-Reihe „37 Grad“. 2001 gründete er mit seinem Partner Erhan Emre seine eigene Filmproduktion „36PICTURES“. Der Spielfilm „Alltag“ war sein Regiedebüt mit der Premiere auf den 36. Hofer Filmtagen 2002. „Urban Guerillas“ ist sein zweiter Spielfilm. Er kommt im April 2006 in die deutschen Kinos. Wir sprachen mit Neco Celik und Feridun Zaimoglu über ihre jüngsten Projekte.

Szene aus dem Stück "Schwarze Jungfrauen"

"Schwarze Jungfrauen"

Eren Güvercin: Herr Celik, könnten Sie sich unseren Lesern zunächst kurz vorstellen? In was für einem Umfeld sind Sie aufgewachsen? Was haben Sie gemacht, bevor sie zur Filmbranche gekommen sind?

Neco Celik: Geboren bin ich 1972 in Berlin-Kreuzberg. Meine Eltern kamen 1967 als Gastarbeiter nach Deutschland. Wir sind fünf Geschwister; ich bin der Zweitjüngste der Familie. In Kreuzberg wächst man in einer türkischen Umgebung auf. Es war zu jener Zeit eine kaputte Gegend, direkt an der Berliner Mauer. Für uns Kinder war das eine aufregende Zeit, für die Erwachsenen ist es ein armes Leben gewesen. In so einer Umgebung hat die Schule keine große Rolle für mich gespielt. Erst viel später habe ich die Schule nachgeholt. Nach meiner Ausbildung als Schriftgrafiker begann ich 1993, als Erzieher im Jugend-Kulturzentrum „Naunyn-Ritze“ zu arbeiten. 1994 habe ich meinen ersten Dokumentarfilm gedreht. Später folgten ein paar Kurzfilme. Das Film-Handwerk habe ich mir selbst beigebracht. 2002 durfte ich dann meinen ersten Spielfilm „Alltag“ drehen. Inzwischen habe ich drei Spielfilme gedreht.

Eren Güvercin: Sie haben ja kurzlich im Berliner Hebbel-Theater ihre erste Theaterinszenierung gehabt. Worum geht es in Ihrem Stück „Schwarze Jungfrauen“?

Neco Celik: Ein Theaterstück zu inszenieren war für mich schon immer ein geheimer Wunsch gewesen. Als man mir Feriduns Stück „Schwarze Jungfrauen“ angeboten hat, habe ich sofort „ja“ gesagt. Das Theaterstück handelt von fünf muslimischen jungen Frauen. Diese jungen Frauen sind keine „Ja-sager“, keine Ängstlichen, keine Ungebildeten, keine Gutmensch-Frauen. Sie sind zornige, starke, coole, witzige und mutige Muslimininnen, die das Wort ergreifen, ohne Punkt und Komma im Angesicht des Publikums ihre persönlichen Geschichten oder Meinungen vortragen. Manchmal ist es vulgär, manchmal radikal kompromisslos. Und das ist gut so!

Eren Güvercin: Was ist die Botschaft dieses Theaterstücks vor dem Hintergrund der Debatte, die momentan um die muslimische Frau geführt wird?

Neco Celik: Die Botschaft ist, dass die muslimische Frau zu Wort kommt!

Neco Celik Nauny Ritze (© by Nimet Seker)

Neco Celik in der Nauny Ritze (© by Nimet Seker)

Eren Güvercin: In der Berliner Zeitung wurden Sie als gläubiger, praktizierender Muslim vorgestellt. Ab wann hat der Islam für Sie eine Rolle gespielt? Hat er Ihnen persönlich Halt gegeben, um aus schwierigen Lagen wieder herauszukommen?

Neco Celik: Unsere Eltern haben uns, soweit sie konnten, ihren „Dorf-Islam“ beigebracht. Irgendwann hat er nicht ausgereicht. Die Verlockung ist groß in diesem Land. Mein Hunger nach Seelenfrieden war als junger Mann sehr groß gewesen. Ich brauchte mehr Wissen! Ich habe islamische Bücher verschlungen, ich habe mich weiter gebildet, mein Glaube, meine Seele wurde stärker. Ich habe meinen Frieden, den Sinn meines Lebens gefunden und versuche, das anderen Menschen vorzuleben.

Eren Güvercin: Herr Zaimoglu, Sie haben das Stück „Schwarze Jungfrauen“ geschrieben, und seit einigen Wochen ist Ihr neuer Roman „Leyla“ auf dem Markt. Darin erzählen Sie die Geschichte eines jungen Mädchens, Leyla, wie sie in einem anatolischen Dorf aufwächst und später ihren Mann kennenlernt, mit dem sie als einem der ersten Gastarbeiter nach Deutschland kommt. Was für eine Person ist Leyla? In einem Interview für eine türkische Zeitung bezeichneten Sie die erste Generation der Gastarbeiter als die „goldene Generation“. Ist die Geschichte von Leyla die Geschichte dieser „goldenen Generation“? Was macht diese Generation aus?

Feridun Zaimoglu: Leyla ist eine einfache Frau aus dem Volk: Sie könnte meine Mutter sein, oder die Mutter eines Freundes, oder einer Bekannten aus der zweiten Generation. Viele junge Frauen im Lesesaal erkennen in der Romanheldin ihre eigene Mutter wieder. Leyla ist eine Frau aus dem anatolischen Kernland, aus der sich hunderttausende andere moslemische Bäuerinnen nach Deutschland aufgemacht haben, alleine oder an der Seite ihrer Männer. Heute fällt es schwer, die Aufbruchstimmung des großen goldenen Anfangs zu begreifen. Aber wenn denn den Trümmerfrauen nach dem Krieg zu Recht großer Respekt gezollt wird, ist es auch an der Zeit, diesen großartigen Türkinnen der ersten Stunde den Platz zuzuweisen, den sie verdienen. Man muss sie aus dem historischen Dunkel herausstellen als die wahren Heldinnen der Einwanderung.

Eren Güvercin: In „Leyla“ werden bestimmte Bräuche und Traditionen zu Recht kritisiert. Aber Leyla zeichnet ein Unterscheidungsvermögen aus, bei dem ihr „Befreiungskampf“ nicht zur Folge hat, dass sie den Islam verlässt, im Gegenteil. Kann man sagen, dass Ihre Kritik in den Islam führt, wohingegen einige Autoren unter dem Deckmantel dieser Kritik den Islam angreifen?

Feridun Zaimoglu: Leyla führt keinen Befreiungskampf, sie ist keine ideologisch aufgeladene Kunstfigur, wie man sie in den öffentlichen Debatten vorfindet. Ich habe mich dabei an ihre lebenden Vorbilder in der Realität gehalten. Einen Weg aus dem Eingottglauben können nur jene bürgerlich inspirierten Frauenrechtskämpferinnen weisen, die schon immer gegen die moslemischen bäuerlichen Frauen Allergiereaktionen gezeigt haben. Die Euro-Feministinnen nehmen es solchen Frauen wie Leyla einfach übel, dass sie nicht zum Aufklärungsspießertum konvertieren. Lassen sie uns an dieser Stelle in den Begriffen des Glaubens sprechen: Alle Propheten haben den Kampf gegen die Hüter der Tradition angesagt, das waren und sind die Priester. Also führt der Weg zum einen Gott über den Bruch mit jenen starren Traditionen, die nur die Privilegien der Männer zementieren. Die Angriffe auf den Islam werden eben nicht von sogenannten „säkularen“ oder „modernen“ Moslems geführt. Es sind fast ausnahmslos Eiferer, die den Eingottglauben als Ganzes attackieren. Wie lächerlich. Und völlig vergeblich.

Eren Güvercin: Sie sind seit einigen Wochen auf einer großen Lesetour quer durch Deutschland. Wie ist die Stimmng bei Ihren Lesungen? Wie wird „Leyla“ aufgenommen?

Feridun Zaimoglu: Es ist nicht zu fassen, ich erlebe das zum ersten Mal in meiner Karriere als Schriftsteller. Die Lesesäle sind zum Bersten voll, es herrscht eine Bombenstimmung, das vornehmlich weibliche Publikum unterhält sich köstlich und bestätigt das Urteil des Feuilletons, das „Leyla“ sehr positiv aufgenommen hat. Dem Herrn sei Dank.

Eren Güvercin: In der Berichterstattung ist mir aufgefallen, dass einige Journalisten krampfhaft versuchen – trotz gegenteiliger Äußerungen Ihnerseits – ihren neuen Roman im selben Atemzug mit den gängigen Büchern zu nennen, die von „fremden Bräuten“ und „verlorenen Söhnen“ handeln, und die eigentlich eine ganz andere Aussage haben. Wie kommt es, dass trotz Ihrer Äußerungen, dass dieser Roman nicht aus der gegenwärtigen Diskussion um die muslimische Frau entstanden sei, sondern schon vor dieser Diskussion niedergeschrieben wurde, diese Journalisten immer noch „Leyla“ in diesen Kontext setzten? Haben Sie das Gefühl, dass Teile der Presse einfach nur das schreiben, was sie hören wollen, egal was man sagt, nur um die Story zu liefern, die für die Auflage besser ist?

Feridun Zaimoglu: Tatsächlich versuchen einige wenige Journalisten, Leyla mit anderen aktuellen Selbstfindungsbüchern in Beziehung zu setzen. Dabei kommen sie aber auch zum dem Schluss, dass die postfeministischen Traktate eher der Sparte der Denunziationsfibeln zuzuordnen sind. Nur in den seltensten Fällen versucht man, aus dem Erz meines Buches Metall für die Münze zu schlagen, die in dem öffentlichen Geschwätz gängige Währung ist: Islamkritik. Ich habe mich noch nie bei den heimischen Kreuzrittern aus dem konservativen Lager lieb Kind gemacht. Ich habe das linke Gehabe in den Subkulturen und Milieus der Bürgerkinder verabscheut. Und ich habe noch nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich ein gläubiger Moslem bin. Mein Glaube ist meine Privatsache, er gehört nicht hervorgezerrt, und er ist auch nicht zu verhandeln. Die Hysterie und die Polemik, mit der heute fremdstämmige deutsche Frauenrechtsaktivisten die Ressentiments schüren, vergiftet das soziale Klima. Ich finde sie erbärmlich. Sie ducken nach oben und treten nach unten. Es gibt ein schönes Wort dafür: Opportunismus.

Eren Güvercin: Herr Celik, Sie haben ebenfalls viel mit Medien zu tun und drehen Spielfilme beziehungsweise Dokumentarfilme, beispielsweise auch für das ZDF. Was halten Sie von der Art und Weise, wie Medien mit dem Thema Islam umgehen?

Neco Celik: In Sachen Islam verbreiten die Medien ein sehr schreckliches, übles Bild über die Muslime. Sie sind Analphabeten, was den Islam betrifft. Man darf aber nicht vergessen: Die Medien bekommen das, was wir Muslime ihnen geben. Wir müssen mit den gleichen Mitteln unsere Religion in der Öffentlichkeit schützen, darstellen oder klarstellen. Es müssen mehr Muslime das Wort ergreifen. Nicht nur die, die sich grundschlecht, diabolisch benehmen!

Eren Güvercin: Sie haben viel Erfahrung mit Jugendlichen und sind auch in der Jugendarbeit engagiert. Was ist besonders den muslimischen Jugendlichen in der momentan Situation zu raten? Worauf sollte man bei der Jugendarbeit seitens der Muslime Wert legen?

Neco Celik: Sie müssen ehrgeizig lernen, lesen, diskutieren. Sie müssen ihr Grundwissen hinterfragen, alles genauer unter die Lupe nehmen. Zeitgemäß muss man den Jugendlichen den Zugang zum islamischen Wissen ermöglichen. Ein Muslim, der nicht weiss, wie cool seine Religion ist, ist in einem säkularen Labyrinth ein verlorener Muslim.

Eren Güvercin: Herr Zaimoglu, noch eine persönliche Frage zum Schluss: Woher nehmen Sie eigentlich die Kraft für solch eine große Lesetour, wo Sie fast jeden Tag in einer anderen Stadt auftreten, und nebenbei noch zahlreiche Termine mit Verlag und Presse haben?

Feridun Zaimoglu: Die einzige Allmacht, die Kraft spendet und entzieht, ist Allah, der Erhabene. Wenn Er will, werde ich weitermachen. Gelobt sei seine Einheit.

Eren Güvercin: Lieber Herr Celik, lieber Herr Zaimoglu, wir bedanken uns für das Gespräch.

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