Roger Willemsen

 

Ich hätte immer das Gefühl, ich verrate Kafka, Flaubert oder Dostojewski.“

Am Rande der Verleihung des WDR-Jazzpreises 2008 trafen wir Roger Willemsen in Köln und sprachen mit ihm über sein neues Buch „Der Knacks“, die Debatte um das deutsche Fernsehen, die aktuelle Finanzkrise und über die Aufgabe von Literatur heute.

Herr Willemsen, soeben ist Ihr neues Buch „Der Knacks“ erschienen. Es ist ein sehr persönliches Buch. Es befasst sich mit Ereignissen, die ein Leben verändern können. Wie erkennt man einen ‚Knacks’? Wie macht es sich sichtbar?

Roger Willemsen: Es gibt wahrscheinlich zwei mögliche Definitionen für das, was wir ‚Knacks’ nennen. Die eine Definition wäre zu sagen, das ist wirklich der Bruch, und wir sagen, danach war nichts mehr so wie vorher. Dann können wir sagen, das gibt es in der Individualgeschichte, in unseren Biographien, gibt es aber auch in der Weltgeschichte, gibt es sogar in der Natur. Tschernobyl war in dieser Hinsicht ein ‚Knacks’, die Natur war plötzlich kontaminiert. Oder der 11.9. hat das Verhältnis von ganzen Teilen der Menschheit zueinander so gravierend verändert, dass man es als ‚Knacks’ bezeichnen kann. Was mich noch stärker interessiert als dieser ‚Knacks’, den ich der Narbe vergleiche, sind die Haarrisse, sind dieses ganz leichte Übergehen von Dur zu Moll; der Kolorit, der plötzlich sich ändert; die Patina, die ansetzt; das sich ausbreiten von einem Craquele. Und diese Dinge kann man nur rückblickend erkennen. Nämlich zu sagen, ich spüre nicht, wann die Falte entsteht, der ich das vergleiche. Ich weiß nicht, wann sie begonnen hat. Und ich weiß nicht, aus welchen Anlässen sie gespeist war. Aber ich kann sagen im nach hinein, nichts schmeckte mehr so wie damals. Die Liebe war nicht mehr so frisch. Die Natur wirkte nicht mehr so, wie sie gewirkt hatte. Und diese Phänomene, bei denen man innerlich gerne sagt, irgendetwas hat sich verändert, irgendwann ist es passiert, irgendwo ist das und das passiert – das widerspricht so der psychoanalytischen Deutung, die eigentlich immer sagt, an den und den Daten oder Schocks, kann ich meine Biographie erklären.

Roger Willemsen mit afghanischen Kindern während seines Aufenthaltes in Afghanistan

Roger Willemsen mit afghanischen Kindern während seines Aufenthaltes in Afghanistan (privat)

Sie führen in Ihrem Buch zahlreiche Anekdoten an. Aber Sie schreiben nicht nur über den persönlichen ‚Knacks’, sondern auch über den weltpolitischen bzw. weltgeschichtlichen ‚Knacks’. Sie erwähnten soeben Tschernobyl oder den 11. September. War der 11. September wirklich solch ein ‚Knacks’? Weil nach den Anschlägen hörte und las man überall, dass nichts mehr so sein werde wie davor…

Roger Willemsen: Sehr berechtigte Frage, denn wenn man zunächst diese Phrasen hört, davon nichts wird mehr so sein wie zuvor, das ist mir zu oberflächlich. Natürlich, die Leute haben sich berauscht an diesen Bildern. Es waren offenbar nicht nur schockhafte Bilder, sondern sie wurden noch- und noch mal gezeigt. Die Unterhaltungsindustrie ist dieselbe geblieben, sie hat genau da angesetzt, wo sie vorher war. Und in wesentlichen Dingen, wie der marktwirtschaftlichen Organisation von Gesellschaften, der Kräfteverhältnisse, ist alles geblieben wie zuvor. Aber was sich geändert hat, war, dass man eine weltpolitische Bedrohung plötzlich formulieren konnte. Man konnte den an einem Anlass aufhängen, und man konnte daraus eine veränderte Praxis ableiten. Ich würde wirklich sagen, wenn heutzutage drei vollbärtige Orientalen in einen Flugzeug gehen, wird jeder in diesem Flugzeug denselben Gedanken haben. Das hat sich wirklich geändert. Also man sieht auch, wie subkutan plötzlich Ressentiment, Animosität, Abwarten, Reserve geworden sind. Und wenn man dann bedenkt, wie sehr das muslimische Feindbild vorbereitet worden ist, von dem Augenblick an, als die Berliner Mauer fiel; da muss man mal die Interviews lesen, da sagen die Leute, sagen große Politiker und gesellschaftspolitische Analytiker: „Das nächste Feindbild sind die Muslime.“ Das ist alles bereits da, weil man sofort gesagt hat, wo ist jetzt die Identifikationskraft des Feindbildes. Und jetzt kommt das, was mich an dem 11.9. nachhaltig interessiert, nämlich jene drei Tage, an denen es noch kein Verhalten zum 11.9. gibt. Wo in Grunde genommen ein chaotischer, amorpher Zustand ist, man hat keine Begriffe, man hat keine Moral, man weiß noch nicht mal, wie man sich dazu verhalten soll. Ich erinnere mich noch, dass ein Tag danach ein Champions-League-Spiel stattgefunden hat, dass in der Halbzeitpause politisch geredet wurde, darüber darf man das Spiel zeigen, im Hintergrund liefen über Rückprojektion die Bilder der einstürzenden Türme. Eine absurde Situation! Ich habe in einer Talkshow eine Woche danach gesagt: „Ich möchte gerne eine Diskussion haben über die Bedeutung dieses Gebäudes. Ich finde, man muss fragen, warum ist es das World-Trade-Centre, und wofür steht das World-Trade-Centre.“ Das wurde als anti-amerikanisch genommen. Ich bin wüst dafür angegriffen worden. Wofür? Weil ich diese einfache Frage gestellt habe. Ein politisches Attentat hat politische Gründe. Was sind diese politischen Gründe? Es war plötzlich aber nicht mehr patriotisch. Es war nicht mehr pro-amerikanisch, das zu fragen. Sondern die Verpflichtung war zu sagen, ich bin schockiert, weg mit denen. Oder wie der Spiegel geschrieben hat: „durch geknallte Muslime, die zuviel Arnold Schwarzenegger-Filme gesehen haben“. Auf dem Niveau ist das gelandet. Das ist, wie ich finde, Propaganda. Also wenn man einmal diesen Begriff, dieses analytische Urteil wegnimmt, und sagt, an der Stelle platziere ich Gefühl, und das kann ich kanalisieren in der Menge über Massenmedien…

Kürzlich ist ja das neue Buch von Naomi Klein „Die Schock-Stategie“, wo sie über das Phänomen schreibt, dass bestimmte Schocksituationen ausgenutzt werden, um bestimmte Dinge bzw. ‚Reformen’ durchzusetzen, die davor undenkbar gewesen wären….

Roger Willemsen: Ganz genau, exakt. Selbst im eigenen Land. Naomi Klein nennt auch New Orleans oder Afghanistan als Beispiele. Auch übrigens ein Buch, was in Deutschland fast boykottiert worden ist. Es ist in meinem Verlag erschienen, und man hat mir dort gesagt, nur in Deutschland wird dieses Buch verrissen.

Sie haben sicherlich auch persönlich Ihren ‚Knacks’ erlebt. Jeder hat seinen ‚Knacks’ erlebt, oder wird seinen ‚Knacks’ erleben. Wenn man einen bedeutenden, schweren ‚Knacks’ im Leben erleben, dann wirft das meiner Meinung nach zwanghaft die Frage auf nach Gott, Schicksal, Glaube. Wird auch ein Mensch, der sich diese Fragen nie gestellt hat, dazu gezwungen, dazu gedrängt sich diese Fragen zu stellen?

Roger Willemsen: Das ist auch eine gute Frage. Ich glaube zweierlei, das betrifft sogar im Moment die Bankenkrise. Ich glaube, auf der einen Seite werden die Menschen durch den ‚Knacks’ gezwungen sich zu transzendieren. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als irgendwo etwas fast kompensatorisches zu suchen, das den ‚Knacks’ lindern könnte. Der Bankmanager, der immer sein quantifizierendes Weltbild verfolgt hat und plötzlich vor seinem Ruin steht, und sagt: was ist mir noch was wert? Der blickt sich um, und sagt, die Liebe meiner Ehefrau, die Liebe meiner Kinder, die Liebe zu meiner Scholle, irgendetwas wird er suchen, um dieser Ausleerung zu begegnen. Das zweite ist, dass Menschen in den Korrosionsprozessen, die sie selber durchmachen, glaube ich in der Religion eine Möglichkeit sehen, es zu heilen. Die Liebe ist eine andere. Ich würde sogar sagen, die dritte ist so etwas wie die Kommunikation über den ‚Knacks’, das ist eine Solidargemeinschaft derer herzustellen, die sich untereinander nicht mehr über ihre Erfolge, nicht mehr über ihre Potent, ihr Kapital, ihre Hierarchie verständigen, sondern über ihre Niederlagen, die viel mehr humanisierendes Potenzial haben als die Seltenheit von Triumphen. Das ist auch glaube ich eine quasi-religiöse Note, eine Ebene in der auch andere Kommunikationsformen denkbar sind. Und das ist auch alles, was das Buch am Ende anbieten kann. Die Leute würde es immer gerne so haben, dass es optimistischeres gäbe, oder manche kommen mir wirklich mit Wellness-Ideen, und denken, das ließe sich auf dem Wege von Yoga machen. Das ist nicht das, was ich suche, sondern ich glaube das bestimmte Prozesse für uns alle unausweichlich sind. Sie haben auch eben so eine Formulierung verwendet und gesagt, der kommt notwendigerweise. Wir altern; wir werden von der Zeit erreicht; wir kapitulieren; wir schaffen es nicht mehr unseren Zorn auf bestimmte Dinge so frisch zu halten, wie am ersten Tag. Im Grunde ist es notwendig, die Aufmerksamkeit auf diese Prozesse des Schwindens zu lenken und darüber Verständigung herzustellen.

In Ihren Büchern lassen Sie oft Menschen zu Wort kommen, die ansonsten nicht die Möglichkeit haben in der Öffentlichkeit Beachtung zu finden. Finden Sie, dass dies gerade heute viel zu selten geschieht? Und ist dies eigentlich nicht eine der Aufgaben von Literatur?

Roger Willemsen: Ja, ganz recht. Auf der allerersten Ebene würde ich sagen, Literatur stiftet Empathie. Jemand, der nicht in der Lage ist, sich in einen anderen Menschen hineinzufühlen, wird nicht lesen, der wird an den Geschichten anderer Menschen, an deren Hintergründe, an deren Kultur nicht interessiert sein.

Das Zweite ist, dass Massenmedien mehr und mehr in der Kompensation auf den Erfolg sich darauf konzentrieren, erfolgreiche Personengruppen ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit zu stellen, d. h. ich habe mal überzeichnet gesagt, man kann das Fernsehen heute mehr beschreiben durch das, was es zum Verschwinden bringt, als das, was es zum Erscheinen bringt. Ganz Afrika kommt im Fernsehen vor, wenn es Krieg und blutige Bilder zu sehen gibt. Über die Welt des Nahen Ostens werden wir ausschließlich anhand von Fremdkulturen, Kriegen oder geschürter Angst informiert. Als Menschen, die einen schwierigeren Satzbau haben, zu viele Hypotaxen verwenden, haben wir es im Fernsehen nicht gerade leicht. Also man kann da immer mehr beschreiben, wer darf da nicht vorkommen. Und mein Verständnis – das ist jetzt gar nicht heroisch – von Literatur ist, Sprachverleihung an Sprachlose, ist das, was eine öffentlich arbeitende Personen leisten sollte. Nicht Verona Pooth, aber jemand, der geistig arbeitet. Das bedeutet in der Quintessenz, dass man eine Demokratie nicht hat, um der Mehrheit zur Durchsetzung zu verschaffen, sondern um der Minderheit gegenüber der Mehrheit zur Durchsetzung zu verschaffen. Demokratie wurde eigentlich geschaffen, damit Minderheiten nicht verschwinden. Heute hat man das Gefühl, diese Mehrheit macht alles platt.

Roger Willemsen bei den Beduinen in Jordanien

Roger Willemsen bei den Beduinen in Jordanien (privat)

Werden Sie von der Kulturschickeria belächelt, weil es Ihnen noch um etwas geht?

Roger Willemsen: Jeder Moralist wird belächelt, und ich bin einer. Insofern muss ich darüber die Achseln zucken. Eine Zeit, die das Etikett des Gutmenschen erfindet, für solche Menschen, denen es um irgendetwas geht, die wendet ihren eigenen Zynismus nach außen, und damit kann man vielleicht gute Witze machen, aber es ist nicht mein Lebensverständnis. Ich hätte immer das Gefühl, ich verrate Kafka, verrate Flaubert, ich verrate Dostojewski. Ich verstehe nicht, wieso man ein Weltbild verteidigen soll, das so gebrochen ist. Und auf der einen Seite sage ich, ja ich trauere mit Raskolnikow, aber der Raskolnikow im Leben ist mir gleichgültig? Das ist nicht mein Ansatz.

Sie haben jetzt gerade ein paar Namen genannt, und sie nennen auch immer wieder Samuel Beckett. Wieso Beckett?

Roger Willemsen: Ja, wieso Beckett? Also Beckett gehört zunächst Mal das gehört überhaupt nicht in eine literarische Erörterung, aber Beckett ist vielleicht das integerste Individuum, von dem ich weiß. Das ist ein Mann, der in jederlei Hinsicht für mich das exemplarische Menschsein vorgeführt hat. Durch Zurücknahme, Bescheidenheit, Konzentration auf das Denken, ein langjähriger Unterstützer von amnesty international. Ein Mann, der unablässig Geld in alle Himmelsrichtungen geschickt hat, ohne dass die Menschen es wussten, woher es kam. Der seine persönliche Integrität auch ohne inneren Aufwand so beeindruckend verfolgt hat, dass er erst Mal für mich ein exemplarisches Individuum ist. Ich könnte jetzt pathetisch sagen, was für ein schöner Mensche!

Das Zweite ist, dass Beckett sich mit einer ungemeinen Radikalität der Auslegung von Entitäten, von großen Klammern dieses Lebens, von Überzeugungen, von Selbstverständnissen gestellt hat, und am Ende wirklich an einen Punkt gelangt ist, den ich kaum denken kann, aber der letztlich wie lauter disparate Körperteile wirkt; und der den Menschen auf einem Indifferenzpunkt, auf einer Sinuslinie gebracht hat, insofern ist Beckett in mancherlei Hinsicht – bis in seine Sprache hinein – der radikalste Autor, den ich kenne. Natürlich bin ich angezogen von einem Lauf der Literatur, die bis zu Beckett eigentlich noch immer dachte, dass was gestern geschrieben werden konnte, muss morgen nicht geschrieben werden. Seither sind wir im posthistoire. Wir schreiben Bücher, die hätte man vor hundert Jahren identisch schreiben können, und wir arrangieren nur noch die Schaufenster um. Aber bis dahin gibt es eine Linie, die irgendwie denkt, das ist so etwas wie ein Aufbau des Menschengeistes. Ich habe Mal überzeichnet gesagt, heute kauft man keinen Klopp-Staubsauger, der fünf Jahre alt ist, aber man kauft Bücher, die gestern geschrieben wurden, und vor hundert Jahren hätten geschrieben werden können. Also merkwürdig unökonomisch, dasselbe immer noch mal. Und im Moment gibt es kaum Bücher, die in der Gegenwart verortet sind, die nicht auf die 70er Jahre oder das letzte, vorletzte Jahrhundert zurückgehen.

Wie beurteilen Sie den Auftritt von Reich-Ranicki bei der Verleihung des Fernsehpreises, und die dadurch in Gang gesetzte Debatte um die Qualität des deutschen Fernsehens?

Roger Willemsen: Die ironische Note bestand darin, dass das Plädoyer für mehr Kultur im Fernsehen dazu führt, dass ein Kulturphänomen im Fernsehen abgesetzt wird. (lacht)

Das Traurige an der Geschichte ist eigentlich, dass aus einem richtigen Impuls heraus gehandelt wurde, der allerdings mit einiger showmanship vorgetragen wurde und Reich-Ranicki nicht der Anwalt des besseren Fernsehens ist, das kann man wirklich nicht sagen. Nicht nur hat er sein Metier auch nur entertainisiert, sondern er hat zu wenig Sachverstand. Ich glaube, gegen Kochsendungen sich zu wenden, das ist nicht die Linie, über die wir debattieren sollten. Die wirkliche Kritik am Fernsehen müsste anderswo verlaufen. Und auch Elke hat, so sehr ich mit ihr befreundet bin und sie schützen mag, allgemeine, aber auch eigene Interessen in dieser Debatte. Ich kann unter dem Strich sagen, das traurige ist, dass das Fernsehen als Massenmedium fast die einzige Institution in der Gesellschaft ist, die keiner Kritik zugänglich ist. Es gibt ein einziges medienkritisches Magazin im deutschen Fernsehen, das im dritten Programm nachts im NDR läuft. Es ist eine solche Blamage, sich vorzustellen, das diese ungemeine Selbstzufriedenheit dieses Mediums verhindert, dass intelligent darüber geredet wird, was das Fernsehen macht. Denn das könnte man. Ich habe mal ein vierzig Seiten Essay für ein Buch von Günther Grass geschrieben, wo er die gesamte Gesellschaft abgebildet hat, und hat jedem irgendein Teil gegeben, und hat mir gesagt, ob ich das über das Fernsehen schreiben kann. Da habe ich vierzig Seiten zur möglichen Kritik des Fernsehens geschrieben. Was macht Fernsehen mit unseren Nachrichten? Was macht es mit unserem Bewusstsein? Wie geht es mit Sprache um? Was ist eine Quote wirklich? Wie ermittelt man die? Was bedeutet die? Wofür steht die? Abschließend sei gesagt, dass es erstaunlicherweise im Internet eine hoch kenntnisreiche und trennungsscharfe Debatte über Medien abspielt. Das heißt, die sind schon tot, die wissen es aber noch nicht. Dass diese Form von medialer Selbstgenügsamkeit vorbei ist, für alle Zeiten vorbei. Dass ein Feuilleton, das glaubt, es kann bestimmte Dinge verbieten, verschweigen, über bestimmte Konzernverflechtungen nicht reden, das wäre ein fernsehkritisches Thema. Warum löst der Spiegel sein Medienresort auf? Und zwar sofort, als Stefan Aust begann. Weil er in allen Fernsehanstalten – bis auf Pro 7 – eigene Sendungen hat, weil er Dinge produziert und co-produziert, vom “Wa(h)re Liebe”-Schmuddel über Schul-Dokus bis zu “Kerner”. Dann aber zu sagen, Reich-Ranicki hat uns die Stimmung verdorben, das ist wirklich ein Bäuerchen, das hätten sie nicht sagen sollen.

Sie zogen sich 2001 von der Fernseharbeit zurück. Was waren die Gründe, die zu diesem Schritt geführt haben?

Roger Willemsen: Der Anlass war ein doppelter. Das eine war, dass ich eine Sendung vorgeschlagen habe, die sollte Gipfeltreffen heißen. Da wollte ich immer jemanden portraitieren, und dann fragen, wen haben sie immer treffen wollen. Und dann wollte ich diese Begegnung einleiten. Ich habe auch drei Ausgaben davon gemacht. Die waren auch gut, haben auch funktioniert. Dann hat das ZDF gesagt, sie möchten Einfluss nehmen auf die Gäste, möchten jetzt selber sagen, wer sich treffen soll, was natürlich völlig unsinnig ist. Sie schlugen mir dann vor, ich solle eine Ausgabe machen ‚Eva Herman trifft Hansi Hinterseher’. Es gibt wenige Situationen, wo ich mich daran erinnere, dass ich mal Dozent für Literaturwissenschaft war. Und dann denke ich mir, dafür bist du nicht ausgebildet. Es heißt, es ist kein erwachsenes Arbeiten. Und ich hänge nicht am Medium, sondern an der Qualität der Arbeit.

Das zweite ist, dass ich damals ein Musikmagazin machte, in dem es immer vier Beiträge gab. Ich hatte in einem Magazin zwei afrikanische Musiker, was bei Musikern so wenig überraschend ist, wie bei Boxern oder so. Da sagt der verantwortliche Redakteur zu mir: „Zwei Bimbos pro Sendung sind zuviel!“ Und das war eine Dienstanweisung. Das war ein Milieu, in dem ich dann nicht mehr arbeiten wollte. Ich meine das auch gar nicht heroisch, sondern ich habe mir einfach gedacht, du wirst dir selber eckelhaft, wenn du das jetzt weitermachst.

Welche Medien nutzen Sie denn selber?

Roger Willemsen: Ich lese natürlich Zeitung. Allerdings nur die Süddeutsche, und dann einäugig die taz. Dann immer wieder englische Presse, den Guardian zum Beispiel, der immer noch ein Leib- und Magenblatt für mich ist, immer auch konterkariert, was hier ist. Und dann gibt es bestimmte Internetangebote, die ich schon nutze, also fair.org zum Beispiel, ein Anbieter, der alternative Nachrichten vertreibt. Oder im Moment natürlich Afghan-German, wo man etwas zuverlässigere Nachrichten aus Afghanistan bekommt, die ich hier auch nicht bekomme. Auch auf Bildblog.de gehe ich immer mal wieder.

Aber ich bin auch gerade seit heute dabei, ein Literaturportal mitzubegründen, bei dem wir eigentlich gegen das gesamte Feuilleton versuchen Leute mit ihrer eigenen Form von Glaubwürdigkeit da dran zu binden, und es gibt auch ein paar gute Leute, die daran mitmachen werden. Es geht am 2.12. ans Netz. Es ist einfach so, dass wir sagen müssen, es reicht. Ihr nehmt vier Verlage, ihr nehmt Bücher, die das Feuilleton interessieren. Ich muss den neuen Grass, ich muss den neuen Martin Walser nicht lesen. Und wir nehmen es jetzt in eigene Hand. Wir versuchen irgendwie, den Leuten etwas anzubieten, was sachdienlicher, begeisterter, irgendwie radikaler auch ist.

Sie schreiben mit solch einer Leidenschaft über die unterschiedlichsten Themen. Wie schaffen Sie das? Was treibt Sie an?

Roger Willemsen: Das wirkliche Privileg an der Arbeit, die ich im Moment mache, ist, dass es mir wirklich erlaubt wird, meine Leidenschaft auf Menschen zu übertragen. Es heißt im Augenblick, wo mein Interesse an einem Feld so ist, dass ich denke, es ergreift mich, dann habe ich die Möglichkeit mit pädagogischem Eros die Leute zu bewegen, und zu sagen, es könnte euch auch interessieren, sieht mal, da ist was. Ich habe manchmal Frank Schätzing zugeguckt, wenn er über Tiefsee geredet hat, und ich habe gedacht, ich verstehe nichts davon, aber ich lasse mich sofort anstecken von jemand, der sachkundig und mit einigem Enthusiasmus über seine Sache redet. Und insofern ist ja auch eine der journalistischen Untugenden diese vollkommene Beziehungslosigkeit, in der häufig journalistische Beschreibungen zum Leben, zur täglichen Erfahrung, zur Biographie stehen. Ich weiß nicht, man kriegt das in so vielen Bereichen mit. Stellen sie sich vor, bei Guantanamo kamen Journalisten zu mir und fragten mich, wie lange waren sie denn dort? Da sagt man sich, jetzt reden wir seit 5 Jahren über Guantanamo, und die glauben noch, man kann da hingehen. Das sind Multiplikatoren, die schreiben da drüber. Unabhängig davon, dass sie das Buch nicht gelesen haben, sonst wüssten sie das. Ich bin solchen Phänomenen so häufig begegnet. Oder jetzt beim ‚Knacks’ geht es dann so, dass die Leute sagen: „Ach, wo bleibt das Positive?“ Ich schicke gerne einen Karnevalszug los, aber zur anderer Zeit, auf anderen Feldern.

Ich glaube wirklich die Verbindung von Leidenschaft, die ich persönlich empfinde, für die ich gar nichts kann, sondern die mir selbstverständlich oder gegeben ist, mit bestimmten Überzeugungen, und was wirklich zu den Privilegien dieses Lebenszustandes gehört, ist: ich habe nie so viele Leute hinter diese Interessen gebracht, wie im Augenblick. Das wundert mich wirklich. Nehmen sie es nicht als Eitelkeit, ich gehe einen Schritt zurück davon. Wenn so ein Buch wie „Der Knacks“ – was nicht ganz leicht ist- auf Platz sieben der Bestseller-Liste steht, hinter Bushido und Helmut Schmidt (lacht), dann muss ich sagen, es erstaunt mich wirklich. Glauben sie nicht, das sei Koketterie, sondern ich hätte niemals gedacht, dass ich dieses Interesse oder dieses Thema da hinbringen kann. Und auch die Säle sind so voll, wie sie nie waren.

Oder mit Dieter Hildebrandt mit dem Lügenthema durchs Land zu gehen… Es ist grandios, man kann die Leute selbst auf amüsante Weise bewegen, über bestimmte Dinge schlicht die Wahrheit zu erfahren. Wir machen immer noch die Passage über den Golfkrieg, und die Leute sind einfach fassungslos, und fragen sich, ist das wirklich wahr? Hat Powell wirklich gesagt, wir haben Zeichnung von unter Dattelpalmen versteckten Waffenkammern? Das geht dann so quer durch alle Bereiche, es wird mit einer gewissen Glaubwürdigkeit ausgestattet.

Herr Willemsen, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Eren Güvercin.

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4 Comments

  1. Pingback: Mentalitäten der Kulturkritik, Teil 4: Roger Willemsen und der unmögliche „Crack-Up“ als Kulturkritik

  2. Blankenstein says

    R.Willemsen ist ehrlich, herzerfrischend ehrlich. Leider gibt es von seiner Sorte nur Wenige in unserer Republik. Genau so ehrlich war sein Auftritt gestern abend bei Anne Will, als sich R.W. gegen den militärischen Einsatz (NATO-Einsatz) in Afghanistan einsetzte. Bravo Roger! Ich war in Afghanistan, ich kann ihm nur voll zustimmen.

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