„Ich bin ein gut gelaunter Deutscher!“

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Feridun Zaimoglu: "Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation - der goldenen Generation - bitte schön mit Respekt behandeln mag."

Feridun Zaimoglu: "Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation - der goldenen Generation - bitte schön mit Respekt behandeln mag."

Eren Güvercin: Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 hieß es, dass die deutsche Nationalmannschaft mit Spielern wie Mesut Özil, Jérôme Boateng und Sami Khedira zum ersten Mal die gesamte Gesellschaft widerspiegele. Ist tatsächlich angekommen, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist?

Feridun Zaimolu: Zunächst einmal: Fußball ist Fußball. Ich bin etwas ratlos, wenn ich die Schriften der Euphoriker lese, die sagen, früher war der deutsche Fußball hölzern, und jetzt ist alles anders und besser. Seltsam, dass Deutschland in der Vergangenheit dennoch so viele Pokale mit nach Hause gebracht hat. So hölzern kann dieser Fußball ja dann nicht gewesen sein. Wir erinnern uns, vor zehn oder zwölf Jahren fing das Lamento an: Der deutsche Fußball sehe nicht die Zeichen der Zeit und setze nicht auf Nachwuchskräfte. Das hat der Deutsche Fußballbund (DFB) nun getan. Denn es geht nicht darum, dass herkunftsfremde Deutsche jetzt auf dem Fußballplatz mitspielen dürfen, sondern selbstverständlich um gute Fußballer. Dieses Mal hatte man auf gute Nachwuchskräfte gesetzt, sowohl auf herkunftsfremde Deutsche als auch auf junge deutschstämmige Deutsche. Ich bin ein glühender Deutschlandfan. Als Salonhooligan bin ich es mir schuldig, und als solcher habe ich auf dem Fußballfeld bis auf das Spiel gegen Serbien und das wirklich krachend enttäuschende Spiel gegen Spanien guten Fußball und gute Fußballer gesehen. Natürlich freue ich mich, wenn darunter gute Leute sind, die hier geboren und aufgewachsen sind. Das weist natürlich nur in eine gute Richtung. Aber ich bitte darum, das mit der Repräsentationspolitik nicht zu übertreiben.

Sie werden oft als Beispiel einer gelungenen Integration genannt. Wieso lief es bei Ihnen so gut?

Ich bin ein Schreiber. Wenn man von Erfolg und Ankunft im Zusammenhang mit mir spricht, dann darf man die Verzweiflung und Erfolglosigkeit meiner Jahre, bevor das mit den Büchern anfing, natürlich nicht verschweigen. Ich bin ein doppelter Studienabbrecher, ich habe keine Ausbildung, und ich bin ganz sicher kein glänzendes Vorbild für andere Menschen. Außerdem ist es eine Frage des Taktes, dass man sich nicht ins Spiel bringt, um dann zu sagen: Seht her, ich habe es anders gemacht, und wenn ihr auf meinen Spuren wandelt, so wird euch auch alles gelingen. Ich bin eher ein Paradebeispiel dafür, wie alles misslingen kann, dass man eben nicht Menschen mit technischen Begriffen beikommen kann. Das Wort „Integration“ stammt aus dem Technokraten-Jargon, und ich kann damit herzlich wenig anfangen. Wofür ich stattdessen eintrete ist, dass man bitte schön nicht zu feige sein soll, um von Deutschland als seiner Heimat zu sprechen.

Auf der einen Seite haben wir bedauernswerte Populisten, die (Überfremdungs-)-Ängste schüren. Schwätzer von diesem Schlage wird es auch in Zukunft geben. Ich bestehe aber darauf, dass die Geschichte der Einwanderung in Deutschland eine Erfolgsgeschichte ist. Ich bestehe darauf, dass man die Männer und Frauen der ersten Generation – der goldenen Generation – bitte schön mit Respekt behandeln mag. Ich bestehe darauf, dass Populisten und Menschen, die abfällig daher reden und auch noch von sich behaupten, dass sie mutig seien, mit Verachtung gestraft werden.

Ich bestehe aber auch darauf, weil es die Realitäten Deutschlands widerspiegelt, dass herkunftsfremde Deutsche, die hier aufgewachsen sind, doch bedenken mögen, dass Deutschland ihr Land und ihre Heimat ist. Im Grunde genommen sind sie auch Deutsche. Die kurdisch-, türkisch- und anderen fremdstämmigen Deutschen brauchen kein Vorbild. Sie sind zu klug, um sich an den Realitäten und Fakten des Lebens zu orientieren, und nicht an einem Filmemacher, Schriftsteller oder einer Nachrichtensprecherin. Das haben sie gar nicht nötig.

Sind Begriffe wie Multikulturalismus oder Integration längst überholte Begriffe, wie der Migrationsforscher Mark Terkessidis in seinem Buch „Interkultur“ ausführt? Sie beispielsweise wurden zu Anfang Ihrer Schriftstellerlaufbahn der „Migrantenliteratur“ zugeordnet.

Es ist mir eine große Freude zu sehen, dass die Technokraten, die das Leben ideologisch verkrümmen, und die Populisten und Hysteriker der Wirklichkeit hinterher hecheln. Man kann es natürlich tun. Man kann in seiner warmen Stube hocken und auf eine bestimmte Klientel schielen, und dann anfangen zu fluchen. Man kann Menschen, die sich zunächst einmal nicht wehren können, denunzieren. Das ist eine Frage des Niveaus und sei jedem freigestellt.

Heißt das, man muss sich von dieser Terminologie lösen, um die Debatte in eine andere, positivere Richtung zu lenken?

Es ist tatsächlich so, dass die jungen Männer und Frauen nicht nur aufgehört haben, Migranten zu sein, sondern dass man bei ihnen die Zuschreibung „herkunftsfremd“ auch streichen kann. Man darf einen Fehler nicht begehen: Man darf nicht versuchen, mit den Begriffen aus dem Soziologie-Seminar und den Redaktionsstuben Phänomene der sogenannten Unterschicht begreifen zu wollen. Das ist ein großer Fehler, und ich sehe seit 20 Jahren, dass dieser Fehler bewusst oder unbewusst begangen wird, um zu bestimmten Schlüssen zu kommen.

Was sind das für Schlüsse? Die Türken können nichts! Wenn man von Ausländern spricht, dann meint man eigentlich die Türken. In den vergangenen Jahren wurde das Fremde mit dem Begriff „Moslem“ kodiert. Also man meint den Türken oder Moslem, wenn man Ausländer sagt. Dann sagt man, diese Leute sind nicht angekommen, diese Leute können nichts, sie seien dumm und wollten sich abschotten. In jeder Szene und Schicht der deutschen Gesellschaft, in jeder Klasse gibt es Menschen, die sich abschotten. Wenn man von Abschottungspolitik spricht, dann sollte man sich nicht an die fremdstämmigen Deutschen halten, sondern eher an die Großbürger, also an die Spitzen der Gesellschaft. Da lernt man, was Abschottungspolitik ist. Auf die einfachen Menschen, das einfache Volk einzudreschen, hat eine lange Tradition. Ich bin nicht willens darauf einzugehen. Tatsächlich sollte man auch nicht mehr versuchen, mit den alten Dickköpfen zu sprechen. Das langweilt mich, und das langweilt vor allem die Menschen da draußen. Es ist so oft gesagt worden: Es ist ein soziales Problem und kein kulturelles. Wenn man, statt auf die eigentlichen ökonomischen und sozialen Probleme Deutschlands hinzuweisen, die Diskussion kulturalisiert, dann ist das lumpig. Deutschland ist viel weiter.

Sie bezeichnen sich als Deutscher und Kiel als Ihre Heimat. Vor kurzem wurden Sie von einem Schriftstellerkollegen als „Ärmelschonerliterat“ bezeichnet: Sie würden sogar Gartenzwerge sammeln, damit man bloß nicht auf die Idee komme, dass Sie kein Deutscher sind.

Als ich das las, war ich sehr erschrocken, weil bei mir in der Küche ein Mehlsack umfiel. Es ist seltsam, dass ich in der Vergangenheit ausgerechnet von Menschen, von denen man eine gewisse Einsicht erhofft, heftige Nackenschläge bekam. Es geht hier um mein Selbstverständnis, es geht mir nicht darum, mich zu verkleiden, um dann in den Augen der Menschen besser dazustehen. Im Grunde genommen lache ich nur noch darüber. Das ist ja nicht das erste Mal, dass man es mit einer Denunziation versucht und glaubt, mich treffen zu wollen. Ich grinse nur, und das ist keine Koketterie. Ich sage da nur, jeder kann machen, was er will. Man kann das lustig finden, man kann das lächerlich finden, man kann sogar mich als eine lächerliche Figur ansehen, nur Fakt bleibt: Ich bin ein gut gelaunter Deutscher!

http://www.bpb.de/publikationen/3QNA9T,0,0,Ein_Teil_Deutschlands_mit_etwas_mehr_Farbe.html#art0

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6 Comments

  1. Lieber Eren,
    ich hätte mir gewünscht, sie hätten Herrn Zaimoglu gefragt, warum er sich denn, nach solchen Worten, mit Leuten zusammensetzt die Ängste schüren, um dann mit ihnen gemeinsam einen Integrationspreis des Bundesinnenministers auszuloten.

    Statt den Personen mit Verachtung entgegenzutreten und sich zu weigern sich instrumentalisieren zu lassen, hat Herr Zaimoglu geholfen die Personen die Ängste schüren in ihren Bemühungen zu stärken.

    Das Interview nehme ich daher nicht ernst…

    • erenguevercin says

      Lieber Akif,

      ich nehme solche Äußerungen wie Deine, die auf seltsamen Assoziationsketten beruhen, nicht ernst.

      Beste Grüße,
      EG

  2. Lieber Eren,
    das ist schade… Vielleicht stelle ich die Frage anders?

    Wieso setzt sich Jemand wie Zaimoglu mit Kelek und Ates an einen Tisch, wenn er denn darauf besteht, dass „Populisten und Menschen, die abfällig daher reden und auch noch von sich behaupten, dass sie mutig seien, mit Verachtung gestraft werden.“

    Wieso lässt sich Zaimoglu für solch eine Show instrumentalisieren?

    Was ist an dieser Assoziationskette zwischen einem Kommentar in einem Interview und einer Handlung die erst kürzlich erfolgte, seltsam?

    Ich nehme Sie ernst, und erhoffe mir das selbe auch von Ihnen.

  3. Burak Emir says

    Wenn man etwas bewirken möchte, dann kommt es mitunter vor dass man sich mit anderen Menschen an einen Tisch setzt, auch wenn man deren Ideen nicht teilt.

    Instrumentalisierung wäre es doch sicher, wenn man bei einer ideologisch begründeten Aktivität mitmacht. Bei einem Integrationspreis Ideologie als Wurzel zu vermuten ist wirklich schwer nachzuvollziehen: vielleicht gibt es in einer Jury Mitglieder die ideologisch verblendet sind – aber färbt das denn ab? Macht es den ganzen Preis zu einer Farce?

    Wäre es besser, wenn es so etwas wie Integrationspreise nicht gäbe und die bereits erwähnten Populisten den Ausländern bzw herkunftsfremden Menschen einfach pauschal Integrationsunwilligkeit diagnostizieren dürfen?

    Vielen Dank für das Interview! Ich freue mich immer, wenn ich etwas Intelligentes zum Thema Integration lesen kann. Feriduns Optimismus ist wirklich mal erfrischend und ansteckend. Das Integration ein soziales Problem wird man wohl noch ein paar Mal öfter hervorheben müssen…

  4. Pingback: Manifeste zum zweiten « verworfen

  5. Cigdem Raim says

    Mir hat das Interview gefallen, es hat mich zum Nachdenken gebracht. Jedoch denke ich, dass ich es lieber gehört bzw. angesehen hätte, um den „Ton“ der Fragen des Interviewers genauer einschätzen zu können.
    Mit freundlichen Grüssen.

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