Die Formulierung einer ablehnenden Haltung reicht nicht aus

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Eine innermuslimische Debatte über die modernistischen Bewegungen der letzten hundert Jahre und deren Auswirkungen auf das muslimische Denken ist dringend nötig, um den ideologischen Ballast des neunzehnten Jahrhunderts endlich loszuwerden. Der organisierte Islam scheut diese Form der Auseinandersetzung und Selbstkritik.

Traditionell ist die Moschee die Institution, die das gemeinschaftliche Leben der Muslime prägt. Moscheen sind nicht nur Gebetsräume, sondern lokale Einrichtungen, die den Muslimen bestimmte Dienstleistungen anbieten. Das war in der Geschichte schon immer so: Rund um den Gebetsraum fanden sich im Moscheekomplex Stiftungen, Märkte, Bibliotheken, Armenküchen und andere karitative Einrichtungen. Sie waren Zentren einer lebendigen muslimischen Zivilgesellschaft mit spirituellen, sozialen und vor allem ökonomischen Komponenten.

Die meisten Moscheegemeinden in Deutschland sind heute eingetragene Vereine, oft eingebunden in große, zentral agierende Dachverbände. Dieses Modell des politischen Islams basiert auf der Idee, über möglichst viele Mitglieder zentral zu entscheiden; es folgt der Vorstellung, dass Macht organisierter Wille sei. Die Funktionäre dieses organisierten Islams streben die politische Anerkennung an und den damit verbundenen Zugang zu den Geldtöpfen.

In den letzten Jahren formiert sich hierzulande aber Widerstand gegen diese etablierten Organisationsformen. Manche kritisieren die mangelnde Flexibilität dieser Großvereine, ihre fehlende Transparenz oder auch die wachsende Bürokratie. Neben den Verbänden des organisierten Islams werden darum vermehrt lokale Initiativen gegründet, die in erster Linie von jungen und deutschen Muslimen getragen werden. Diese sind für die großen Verbände eine Herausforderung, in gewisser Weise sind sie es aber auch für die Mehrheitsgesellschaft. Denn sie definieren sich nicht über die Ethnie, die Herkunftsländer ihrer Eltern, sondern betonen, dass sie deutsch und muslimisch sind. Der Islam stellt sich nach diesem Verständnis nicht als Phänomen der Fremde dar, sondern erweist sich kompatibel zur deutschen Kultur.

Bornierte Solidarität

Jenseits der Frage, wie sich Muslime organisieren sollten, gibt es eine andere Grundsatzfrage, der sie sich in Europa stellen müssen. Aufgrund der aktuellen Ereignisse vermissen nicht wenige Deutsche ein stärkeres Engagement des organisierten Islams gegen Antisemitismus oder die salafistisch-wahhabitische Ideologie – auch wenn die Demonstrationen vom Wochenende ein Anfang waren. Aber es war nicht genug, die Kritik wird zu Recht vorgetragen. Denn entweder beruhigen die muslimischen Verbände ihr Gewissen, indem sie sich mit einzelnen Wortmeldungen oder Pressemitteilungen von diesen Gruppen distanzieren, aber nicht wirklich etwas unternehmen. Oder sie lehnen eine Distanzierung mit dem Argument ab, man habe nichts mit diesen Ideologen zu tun.

Weshalb dieser passive Umgang mit Gruppen, die negative Auswirkungen auf das Bild der Muslime insgesamt haben? Es liegt daran, dass Teile des organisierten Islams ihre Ursprünge im islamischen Modernismus haben, der während und nach der Kolonialisierung der arabischen Welt als Reaktion auf ebendiese entstand. Im Denken dieses Modernismus tritt der Islam im „Kleid der Technik“ als Partei, Ideologie, Bewegung oder, in seiner radikalsten Form, als Terrorismus auf. Der Einfluss der modernistischen Ideologie der Muslimbrüder in Deutschland ist nicht zu leugnen.

Daraus resultiert eine bornierte Solidarität etwa mit der Hamas, die ihre Ursprünge ebenfalls in der Muslimbruderschaft hat. Wenn man als Muslim die Hamas-Ideologie, die eher nationalistisch als islamisch ist, kritisiert, wird man nicht selten reflexartig als „Verräter“ oder als „unsolidarisch“ gebrandmarkt. Aber ist es eine Glaubensfrage, wenn man die jahrzehntelang erfolglose Politik einer Bewegung in Frage stellt, für die gerade viele eigene Anhänger mit dem Leben bezahlt haben?

Gegen Terror, gegen Ehrenmorde

Ein zentraler Gedanke des islamischen Modernismus, der immer noch in vielen Köpfen herumspukt, kreist um die Vorstellung eines vermeintlich „islamischen Staates“. Auch diese Idee entstand gegen Ende der Kolonialzeit mit der Gründung der Muslimbruderschaft. Beeinflusst durch das westliche Staatsdenken, prägten Vordenker der Muslimbrüder wie Hassan Al-Banna, Jamal-ad-din Al-Afghani oder Sayyid Qutb die Idee, dass die islamische Welt ihre Unabhängigkeit nur wiedererlangen könne, wenn sie die Techniken und die Staatsstrukturen der überlegenen Kolonialmächte kopieren und mit dem Islam kombinieren würde. Daraus sollte dann der „islamische Staat“ entstehen. Der Islam im Kleid westlich-revolutionärer Ideologien wurde dadurch zur Heilsbotschaft des politischen Islams, der „Wille zur Macht“ dominiert seitdem. Nicht wenige muslimische Organisationen in Europa sind davon beeinflusst.

Eine innermuslimische Debatte über die modernistischen Bewegungen der letzten hundert Jahre und deren Auswirkungen auf das muslimische Denken ist dringend nötig, um den ideologischen Ballast des neunzehnten Jahrhunderts endlich loszuwerden. Der organisierte Islam scheut diese Form der Auseinandersetzung und Selbstkritik. Auch aus Eigeninteresse. Denn der natürliche Feind des organisierten Islams ist eben jene lebendige muslimische Zivilgesellschaft, die auf lokaler Ebene und nicht zentralistisch agiert und somit von der Basis getragen und nicht durch Funktionäre kontrolliert wird. Gerade die Muslime in Europa sind in der Lage, die verheerenden Auswirkungen von Ideologien aufgrund der europäischen Geschichte besser zu kennen und die Lehren daraus zu ziehen.

Was fehlt, ist ein positives, identitäts- stiftendes Engagement, das besonders junge Muslime anspricht. Bisher dominiert die Haltung, dass man klarstellen müsse, wogegen man ist – gegen Terror, gegen Ehrenmorde, gegen die Unterdrückung der Frau, gegen Intoleranz und so weiter. Die Formulierung einer ablehnenden Haltung reicht jedoch nicht aus. Vielmehr müssen die Bedürfnisse der jungen Muslime erkannt und ernst genommen werden.

Brücken zwischen Tradition und Moderne

Daher brauchen wir Moscheen, die etwas Positives stiften, nicht nur eine Ethnie ansprechen und vor allem als „Amtssprache“ selbstverständlich das Deutsche benutzen. Wenn das nicht gewährleistet ist, werden salafistisch-wahhabitische Wanderprediger weiterhin leichtes Spiel bei der Rekrutierung junger Menschen haben, die dann als „Kanonenfutter“ nach Syrien oder in den Irak geschickt werden. Die beste Prävention gegen Radikalisierung ist die Etablierung authentischer muslimischer Gemeinschaften.

Woher kann dieser neue Ansatz kommen? Der momentane Zustand muslimischer Großverbände ist ernüchternd. Auch wenn sie im sogenannten Koordinationsrat der Muslime (KRM) organisiert sind, kocht jeder Mitgliedsverband sein eigenes Süppchen. Koordiniert wird außer dem Versenden von Pressemitteilungen recht wenig. Die Verbände haben heute eine Zwitternatur. Weder sind sie wirklich demokratisch noch traditionell islamisch verfasst. Sie repräsentieren weniger den Islam als vielmehr eine kulturell-nationale Mischkultur unter islamischem Einfluss.

Viele junge Muslime begreifen ihren Islam aber eben nicht mehr nur als Vereinszugehörigkeit. Die ethnische Komponente spielt bei ihnen anders als bei den alteingesessenen Vereinen und Verbänden keine Rolle mehr. Sie sind in Deutschland zu Hause, versuchen durch innovative und kreative Projekte ihren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten und schlagen Brücken zwischen Tradition und Moderne.

Lösungen statt Rechtfertigung

Längst wird unter Muslimen in Deutschland leidenschaftlich darüber diskutiert, wie es organisatorisch weitergehen kann. Der deutsch-muslimische Journalist und Autor Khalil Breuer etwa entwarf kürzlich in der „Islamischen Zeitung“ das reizvolle Modell einer „Community 2.0“. Er setzt seine Hoffnungen also auf eine künftige dezentrale, basisdemokratische und lokale Organisationsform der Muslime. Sie bildet keine generelle Opposition zu den bestehenden Verbänden. Doch anders als diese setzt die Community 2.0 auf lokale Freiheiten und auf das Modell unabhängig agierender Stiftungen.

Es wird spannend sein zu beobachten, ob sich da eine lebendige deutsch-muslimische Zivilgesellschaft entwickeln kann und wie die existierenden Verbände darauf reagieren werden. Wenn sie diesen Wandel nicht als gutgemeinten Impuls wahrnehmen und unterstützen, bleibt aus Sicht Breuers nur noch die völlige Emanzipation der muslimischen Zivilgesellschaft von der lähmenden Dominanz der alten Vereinsstrukturen.

Wenn die teilweise hysterisch diskutierte Frage, ob der Islam nun ein Teil Deutschlands sei oder nicht, obsolet werden soll, dann müssen Muslime auch Lösungen präsentieren. Dies ist möglich, indem sie ihr Wissen über eine alternative Ökonomie gerade in diesen Zeiten teilen und vorleben. Die Rechtfertigung gegen Vorwürfe muss einer positiven Haltung Platz machen. Nur so kommt der Islam aus der Ecke heraus, in der er zurzeit steht: ein Problem zu sein, nicht Teil einer Lösung. Nur wer Lösungen und Antworten präsentiert, wird ernst genommen. Und dann kann auch von der verbreiteten Opferhaltung Abschied genommen werden.

Erschienen in der FAZ vom 23. September 2014: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/islamismuskritik-ein-anderer-islam-ist-moeglich-13167492.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

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1 Kommentar

  1. Habe heute im Gespräch mit meinem Vater (Vorstand einer Moschee) viele Aspekte, die im Artikel an den Verbänden bemängelt wurden, auch kritisiert. Auf lokaler Ebene setzt sich bei uns diese festgefahrene und teils veraltete Organisationsform fort. Nicht nur bei Verbands-Moscheen!

    Letztlich haben junge Muslime dann eine eigene Organisationsform gefunden – nicht in Konkurrenz zu den etablierten Moscheen, sondern quasi ergänzend aber abseits der starren Strukturen, die nahezu jede Aktivität zur Stagnation führten.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass die Situation bei uns ein Abbild der Situation der Verbände ist.

    Jetzt ein paar Fragen:
    Etwas unverständlich finde ich die gleichzeitige Kritik am Zentralismus der Verbände und der fehlenden Koordinierung im KRM. Ist jetzt mehr oder weniger Konzentration von Entscheidungsträgern an einem Punkt oder in einem Gremium gefordert?

    Was den Willen zur Macht angeht, finde ich es (als Laie auf dem Gebiet) schwer nachzuvollziehen diesen einzig dem Modernismus und der Ideologie der Muslimbrüderschaft zuzuordnen. Das kann man vielleicht nur, wenn man diese Ideologie ausgiebig studiert hat.
    Aber waren Muslime nicht auch schon vor der Kolonialzeit und unabhängig von anderen Kulturen an Staatsführung und Macht interessiert?
    Heute noch sprach ich mit einem Freund über al-mawardis ahkaam al sultania, nizam-ul-mulk und ibn khaldun. Ich hatte den Eindruck, dass die Muslime einen reichen Erfahrungsschatz zur Staatskunst beizutragen haben, diesen gesammelt und gelebt haben aber auch der Islam selbst Prinzipien einer solchen Staatskunst bereit hält. Also, die Muslime vieles der staatsorganisatorischen Errungenschaften Europas schon kannten. Für die Idee eines islamischen Staats oder eines Herrschaftsgedankens brauchte es dennoch den Eindruck der Kolonialzeit?

    Anders gesagt: Ich verstehe die Abgrenzung zwischen politischen Islam (oder Islamismus) und Islam nicht. In deren Definition kommen mir zu viele Aspekte vor, die mir nicht erst aus der Moderne bekannt sind, sondern auch aus der früheren islamischen Geschichte und den islamischen Texten. Deshalb erscheint mir diese Debatte über politischen Islam, islamischer Politik und Islamismus willkürlich. Beziehungsweise: Es scheint eine Abgrenzung aus der Perspektive von säkularen Gesellschaften zu sein, eine die vergleichend mit modernen christlichen Ansprüchen an Herrschaft und Macht vorgeht und pluralistischen Vorstellungen von Universalität und Staatsführung im Hinterkopf hat. Zwischen richtig und falsch kann für Muslime (also auch für die Verbände) aber nicht eine sozialwissenschaftliche Einordnung eines Konzepts maßgeblich sein, die diesen Hintergrund hat. Die kritische Auseinandersetzung mit Ideologien und Bewegungen der Muslime ist doch in erster Linie eine Frage des islamischen Rechts. Dieses verbietet ja schon die im Zuge der Politisierung erschienen extremen Formen zb Terrorismus.
    Da lass ich mich allerdings gerne eines besseren belehren.

    Etwas paradox kommt mir die Kritik an der Passivität gegenüber bestimmten Gruppen vor. Weiter unten heißt es ja der Hang zu Abgrenzungen würde dominieren. Ich glaube das ist schlicht keine Grundsatzfrage, sondern in Bezug auf jede Thematik und jede Gruppe neu und insbesondere unabhängig von politischen Forderungen zu diskutieren. Mal muss sich abgegrenzt werden und mal ist Passivität richtig. Insbesondere halte ich es für falsch dies davon abhängig zu machen, welches Bild in der Öffentlichkeit von der Handlung oder Gruppe erweckt wird. Sich abzugrenzen oder nicht, weil die öffentliche Meinung beschwichtigt werden soll ist keine geeignete Motivation. Auch eine Abgrenzung sollte aus der eigenen Identität heraus erfolgen.

    Am Beispiel der Hamas: Kritik ist sicher angebracht aber zum Zeitpunkt des Gazakrieges wohl einfach nicht Priorität. Ob die Hamas nun negativ rezipiert wird oder nicht, mehr schadet als nutzt oder nicht ist ja während die Bomben fallen zweitrangig. Ich fand es unangebracht in dem Moment den Blick auf die Hamaskritik zu richten und verstehe deshalb das Unverständnis dafür. Finde aber das dies jedem selbst überlassen sein muss. Eine Frage der Pietät, meiner Meinung nach, die man ganz unterschiedlich beantworten kann.

    Anderer Punkt:
    Man muss dem absolut zustimmen, dass ein identitätsstiftendes Verhältnis notwendig ist. Das heißt aber auch, dass dieses nicht nur zwischen Verband-Moschee-Muslim bestehen muss, sondern auch zwischen Muslimen und Gesellschaft. Zu dominant ist der Integrationsgedanke wobei Muslime eben, wie auch an den Verbänden kritisiert, als fremde integrationsbedürftige Gruppe auftreten.

    Das erleichtert mit Forderungen nach Integration auch hier aufgewachsenen deutschen Muslimen Vorgaben und Einschränkungen ihres religiösen Lebens unterzujubeln, die sie nicht hinnehmen müssten, wenn sie realisieren würden, dass sie selbst an der Bestimmung der Integrationsziele partizipieren können/müssen. (Ganz ehrlich: Es ist doch hirnrissig gegenüber einer deutschen, hier normal sozialisierten und aufgewachsenen Frau die Religionsfreiheit wegen der Integrationsfunktion der Schule einzuschränken…)

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