Heilserwartungen an die Islamische Theologie

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Mit der Institutionalisierung des Islam in Deutschland werden die Bedürfnisse von Muslimen zunehmend zum Spielball zweier politischer Apparate: dem deutschen Staat und dem organisierten Islam mit seinen Verbänden.

Ein Kommentar von Eren Güvercin

Schavan bei der Eröffung des Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen  (Foto: Uni Tübingen)

Schavan bei der Eröffnung des Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen (Foto: Uni Tübingen)

Früher war die religiöse Unterweisung der Jugend Sache der Eltern, Kirchen und Religionsgemeinschaften, sie lief über die sonntägliche Predigt und fand in Jugendvereinen statt. Heute hat sich die Lage ein wenig geändert: Zumindest viele christliche Eltern kümmern sich nicht mehr sorgfältig um die religiöse Erziehung ihrer Kinder und überlassen sie dem Staat. Ein Kind wächst aber in erster Linie über die häusliche Umgebung in eine Religion hinein, über das Beispiel der Eltern, Verwandten und Freunde, über Gespräche und gemeinschaftliches Beisammensein. Dieses Umfeld gibt es nur noch selten. Wer freilich nicht mit seiner Religion von frühester Jugend an vertraut gemacht wird, dem entgleitet sie meist, bevor er sie überhaupt besessen hat.

Noch ist die Meinung verbreitet, dass bei Muslimen die familiären Verhältnisse weiterhin ‚intakt‘ seien und die Weitergabe des Glaubens über die Gemeinschaft der Gläubigen vorerst noch halbwegs gesichert sei. Doch der Schein trügt. Immer mehr muslimische Eltern erkennen, wie schwierig es ist, in einem religionsfeindlichen Klima ihren Kindern noch Wissen über ihren Glauben zu vermitteln, um sie einerseits vor extremistischen Bewegungen wie den Salafismus zu schützen und andererseits nicht in einen inhaltsleeren, ja fast schon esoterischen Islam abdriften zu lassen. Doch mit der Institutionalisierung des Islam in Deutschland werden die religiösen Bedürfnisse von muslimischen Eltern zunehmend zum Spielball zweier politischer Apparate: dem deutschen Staat und dem organisierten Islam mit seinen Verbänden.

Schutz vor „Aberglaube und Irrglaube“?

Die Augen der ehemaligen Bundesbildungsministerin Annette Schavan funkelten, wenn sie von den neu etablierten Lehrstühlen für Islamische Theologie redete. Hier sollen künftig Imame und Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausgebildet werden. Die Heilserwartungen der Politik an die Islamische Theologie und an den islamischen Religionsunterricht sind immens: Wie Schavan sagte, sollen die Zentren für Islamische Theologie und der islamische Religionsunterricht die Muslime „vor Aberglaube und Irrglaube“ schützen. Für Muslime ist es vollkommen irrelevant, was Frau Schavan für Aberglaube oder Irrglaube hält. Viel wichtiger ist die Frage, was Muslime für einen Religionsunterricht wollen.

Der Religionsunterricht, sowohl der christliche als auch der islamische, soll im Sinne der Gläubigen in erster Linie den Kindern und Heranwachsenden Wissen über ihren Glauben vermitteln, sowohl theoretisches Grundlagenwissen als auch die religiöse Praxis.

Dies steht aber im Widerspruch zu den Erwartungen des Staates, der zunehmend den Religionsunterricht und die islamische Theologie zu einem staatlichen Instrument in seiner Integrationspolitik degradiert: Der islamische Religionsunterricht solle die Muslime wirksam vor Extremismus „immunisieren“.

Schaut man jedoch in die Verfassung, dann ist eines aber sehr deutlich: Nur die jeweilige Religionsgemeinschaft hat die Befugnis, über den Inhalt des Religionsunterrichtes zu bestimmen. Sowohl die Lehrpläne als auch das Lehrpersonal müssen mit den Religionsgemeinschaften abgestimmt werden. Alles andere liefe auf einen Staatsislam hinaus, der nicht im Interesse der Gläubigen, aber auch nicht im Sinne unseres Grundgesetzes sein kann. Der Religionsunterricht ist für die Gläubigen da und muss ihre Bedürfnisse abdecken, und nicht die eines Staates.

Die Interessen der Politik sorgten bereits für Ärger bei den konfessionellen Beiräten an den Lehrstühlen für Islamische Theologie. In Münster etwa wurde die „Verfassungstreue“ eines Mitglieds in Frage gestellt, der vom Koordinationsrat der Muslime vorgeschlagen wurde, so dass er in den Beirat nicht berufen werden konnte. Das Bundesforschungsministeriun unter Schavan hatte ansonsten damit gedroht, die Gelder, die für Münster vorgesehen waren, einzufrieren. Das sonderbare an der ganzen Sache ist, dass dieselbe Person längst Mitglied des Beirates für den islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen war. Die Landesregierung in NRW hatte im Gegensatz zum Bundesministerium keinen Zweifel hinsichtlich der Verfassungstreue.

Politische Instrumentalisierung

Ein muslimischer Denker sagte einmal, dass der islamische Glaube zwar korrupte Politiker überlebe, nicht aber korrupte Theologen. Das fasst die Bedenken der Gläubigen in der deutsch-muslimischen Gemeinschaft sehr gut zusammen. Die Islamdebatten der letzten Jahre zeigen, dass es vielfach nicht nur um Erziehung geht, sondern um die Etablierung eines politisch-genehmen Islams. Erfüllungsgehilfen mit einem gewissen vorauseilendem Gehorsam lassen sich dabei ganz schnell finden im Markt der ‚Berufsmuslime‘, aber Anklang an der Basis finden sie nicht.Wie schon Patrick Bahners letztes Jahr in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb, kann der auf Religionsfreiheit verpflichtete Staat nicht eine freisinnige Koranauslegung gegenüber einer bewahrenden bevorzugen. Bahners gab zu Recht zu Protokoll, dass es keine Garantie dafür gebe, dass eine „liberale“ Theologie politisch verträgliche Ergebnisse produzieren werde.

Insbesondere die muslimischen Verbände legen es seit Jahrzehnten darauf an, einen den Kirchen ähnlichen Status zu erlangen. Aber ist dies wirklich der Königsweg für die Muslime in Deutschland, obwohl kirchliche Strukturen dem Islam fremd sind? Macht die Verstaatlichung von religiöser Ausbildung in dieser Form noch Sinn?

Zurzeit sind zwei politische Apparate – auf der einen Seite der Staat und auf der anderen Seite der organisierte Islam mit seinen Verbänden – dabei, die Etablierung der Islamischen Theologie und des Islamischen Religionsunterrichts für ihre Zwecke zu instrumentalisieren: Während der Staat einer politisch genehmen Theologie den Weg ebnet, sind die muslimischen Verbände darauf fokussiert, über den Islamischen Religionsunterricht ihre Anerkennung als Körperschaft des Öffentlichen Rechts zu erreichen.

Was die deutschen Muslime allerdings brauchen ist keine politische Ausnutzung ihrer religiösen Bedürfnisse. Sie brauchen unabhängige Einrichtungen, die eine authentische Unterweisung ihrer Kinder in den Glauben gewährleisten, jenseits von einem Staatsislam oder einem Islamverständnis, der nur Muslime mit einer bestimmten Herkunft anspricht.

Eren Güvercin ist freier Journalist und Autor. Er wurde kürzlich in den konfessionellen Beirat des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster berufen. 2012 erschien im Herder Verlag sein Buch „Neo-Moslems – Porträt einer deutschen Generation“.

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4 Comments

  1. dragon says

    Guten Tag
    Sie schreiben:Zitat „um sie einerseits vor extremistischen Bewegungen wie den Salafismus zu schützen und andererseits nicht in einen inhaltsleeren, ja fast schon esoterischen Islam abdriften zu lassen.“ Zitatende.
    Warum benennen sie diesen inhaltsleeren, ja fast schon esoterischen Islam nicht mit dem Namen? Den Salafismus betiteln sie „Extremistisch“ was sie wohl in ihrem Unwissen mit Takfir und Khawarij bewußt wie die anderen verwechseln! Haben sie etwa Angst vor der Khorchidischen Schelte?!
    MFG

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