Anerkennung, aber zu welchem Preis?

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Nein, ich finde es überhaupt nicht überraschend, dass die Welt am Sonntag heute wieder eine Religionsgemeinschaft und die Religionspraxis der Muslime ins Visier genommen hat. Und noch weniger überraschen mich die Äußerungen eines CSU-Politikers, der ein ‚Islamgesetz’ fordert oder die Kampagnen von MFD-Mitgliedern wie Sineb El Masrar, Ahmad Mansour, Khorchide und wie sie alle heißen. Das alles ist nicht weiter tragisch, denn geistigen Dünnschiss produzieren so einige in öffentlichen Debatten.

Nein, das wirklich wichtige Thema ist der derzeitige Zustand der muslimischen Community. Es vergeht kein Tag, wo nicht Verband A, B oder C im Visier der vermeintlichen Kritik steht. Es vergeht kein Tag, wo man als muslimischer Journalist oder anderweitig aktiver Muslim mit Verleumdungen zu tun hat. Was einen aber gerade in der letzten Zeit immer mehr verwundert, ist die mangelnde Solidarität. Wenn Verband A mit Angriffen konfrontiert wird, ducken sich Verband B und C. So läuft es schon seit Jahren. Dumm nur, dass jeder mal an die Reihe kommt.

Obwohl diese Dinge sämtliche Muslime betreffen, ist man nicht in der Lage gemeinsam eine Haltung zu zeigen. Auch muslimische Akteure, die keinem Verband angehören, und aktiv sind auf gesellschaftlicher Ebene oder an Universitäten, fühlen sich bei diesen Themen nicht angesprochen. Man schweigt lieber, statt gemeinsam zu überlegen, wie und wann man eine gemeinsame Haltung an den Tag zu legen hat. Bei persönlichen Gesprächen sind alle empört über diese Kampagnen, aber solange man nicht selber betroffen ist, schweigt man lieber in der Öffentlichkeit. Denn ansonsten könnte man ja selber ins Visier der Kritik kommen. Und irgendwie möchte man sich ja auch nicht verscherzen mit der Politik oder den Medien.

Aber was ist das bitte schön für eine seltsames Verständnis von Gemeinschaft, wenn man einfach schweigt? Natürlich hat eine klare Haltung bei öffentlichen Debatten manchmal Konsequenzen. Man wird vielleicht nicht mehr so häufig auf Podien bei Stiftungen eingeladen, und bekommt nicht mehr den Platz in der Öffentlichkeit, den man ansonsten so hat. Ich kenne das allzu gut, wie gewisse Personen hinter den Kulissen Veranstalter kontaktieren, um einen wieder ausladen zu lassen. Sogar Landtagsabgeordnete fühlen sich da berufen Stiftungen vor einem zu warnen.

Aber ist nicht das gerade das, was eine Gemeinschaft charakterisiert? Ist nicht die gegenseitige innermuslimische Anerkennung und die damit verbundene Solidarität gegen ungerechtfertigte Angriffe ein wichtiges Kriterium auch für eine gesunde Anerkennung seitens der Öffentlichkeit und der Politik? Was ist eine Anerkennung wert, die durch Rumducken erreicht wird?

Unser derzeitiger Zustand ist der, dass wir durch öffentliche Debatten zu Getriebenen werden. Getrieben von medialen Stimmungen und der Politik. Gerade in Zeiten solch hysterischer Debatten sollten sich die Muslime untereinander zumindest stützen, sich austauschen und durch eine innermuslimische Debatte zumindest in Grundfragen, die alle Muslime – egal ob Verbandsmitglied oder nicht – eine gemeinsame Linie entwickeln. Da sind aber auch alle in der Pflicht. Nicht nur die großen Verbände, sondern auch einzelne Akteure, die sich bei unangenehmen Dingen gerne aus der Verantwortung stehlen. Gerade in diesen nicht einfachen Zeiten sollten Muslime manchmal auch der Öffentlichkeit und der Politik die Grenzen aufzeigen. Manchmal hat das eben auch einen gewissen Preis.

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