Scharfmacher machen eine berechtigte Kritik unmöglich!

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Über die deutsch-türkischen Beziehungen und warum einige den Unterschied zwischen Religionsgemeinschaft und Lobbyorganisation nicht verstehen (wollen)

Germany Turkey Airport Blasts

Die einst traditionell guten deutsch-türkischen Beziehungen leiden seit einiger Zeit unter den aktuellen Debatten. Zuerst war es das Flüchtlingsabkommen, was diese Beziehungen in Mitleidenschaft gezogen hat. Aber auch die mediale Omnipräsenz der Erdogan-Kritiker hat viele türkischstämmige Menschen in Deutschland vor den Kopf gestoßen. Einerseits wird jede Kritik an Erdogan von immer mehr Türken in Deutschland vorschnell als Feindseligkeit gegen die Türkei an sich interpretiert, andererseits muss man aber auch die Medien in Deutschland hinterfragen, wohin die übertriebene Erdogan-Obsession und vor allem die Einseitigkeit eigentlich hinführen soll.

Die Armenien-Resolution des Bundestages hat das Ganze noch einmal zugespitzt. Es ist nicht einfach, die ganze Thematik nüchtern und differenziert zu behandeln. Auf beiden Seiten wird das Thema politisch ausgeschlachtet. Eine Debatte ist nicht erwünscht. Es herrscht die Logik: „Entweder bist du für mich oder gegen mich.“ Differenzierung und Austausch von Argumenten oder gar eine eventuelle Relativierung der eigenen Meinung? Fehlanzeige.

Was für Auswirkungen haben die Entwicklungen der letzten Monate auf die türkischstämmigen Menschen in Deutschland? Bei aller berechtigten Kritik am Bundestag und auch an der Türkeiberichterstattung deutscher Medien ist eine Entwicklung zu beobachten, die nicht gut ist für die hierlebenden Türken. Immer mehr prägen Scharmacher das Klima. Empörung und Stimmungsmache hat inhaltliche Kritik ersetzt. Es tauchen Akteure auf, die über soziale Medien und ihre Netzwerke Andersdenkende Türken und Verbände als Verräter und Haustürken bezeichnen. Religionsgemeinschaften wie die Ditib werden bedroht, weil sie Abgeordnete aus dem Bundestag einladen. Diese Scharfmacher machen gerade die berechtigte Kritik an den Abgeordneten, die diese Resolution zu verantworten haben, unmöglich. Und sie liefern indirekt dadurch auch Material für die Scharfmacher aus dem anderen Lager: „Seht her, haben wir nicht gesagt, dass die Türken so sind?“

Wenn türkischstämmige Menschen in Deutschland von ‚den Deutschen’ erwarten, dass sie sich zu Pegida und Co unmissverständlich positionieren, dann kann man auch von ihnen erwarten, gegen die Scharfmacher und Populisten aus den eigenen Reihen Position zu beziehen. Denn das Handeln von diesen Populisten wird – zu Unrecht – allen hierlebenden Türken zugerechnet. Die dadurch ausgelösten Diskussionen werden aber erfahrungsgemäß am Ende auf dem Rücken aller Türken geführt werden. Diese Möglichkeit sollte man den Scharfmachern nicht geben, und daher sollte man den Agitationen dieser Akteure nicht unkommentiert zuschauen.

Auch die hier agierenden Organisationen der Türken haben eine Verantwortung für die derzeitige Lage. Sie sind am Ende des Tages Organisationen der hier lebenden Türken. UETD mag sich vielleicht als Lobbyorganisation sehen, aber die anderen Verbände und vor allem Religionsgemeinschaften sind (oder sollten zumindest) in Deutschland verortet und daher eben keine Lobbyorganisation irgendwelcher Staaten oder Parteien sein. Aber so sollten sie sich am Ende auch verhalten. Auch wenn es Versuche aus der Türkei gibt, DITIB, IGMG und Co. für die eigene Politik zu instrumentalisieren, muss man sich das verbitten. So sehr AKP-Abgeordnete in ihren Deutschlandbesuchen mit kitschigen patriotischen Parolen die Leute versuchen zu begeistern: für uns hier lebende türkischstämmige Muslime bringen solche Parolen nichts, sie schaden uns nur. Das ist nicht gleichbedeutend mit einer negativen Haltung zur Türkei oder AKP. Aber die Verbände tun sich keinen Gefallen damit, wenn sie sich vor den Karren irgendeiner Politik spannen lassen. Das muss man auch offen in der Türkei kommunizieren, so dass sie die Lage hier auch verstehen. Leider prägen Politiker innerhalb der AKP die Deutschlandpolitik, die keinerlei Einblick in das Land haben, weder die Sprache beherrschen, noch die Kultur Deutschlands kennen. Die türkischstämmigen Muslime müssen sich ein Stück weit emanzipieren. Nationalistische Parolen sind nicht die Inhalte, die wir hier brauchen. Wenn man sich über den Rechtspopulismus von Pegida, AfD und Co empört, ist ein eigener Rechtspopulismus sicher nicht die richtige Antwort darauf. Das hat weder etwas mit der osmanischen Geschichte zu tun, noch mit dem Islam. Statt einer Identität basierend auf Negativität gegenüber dem Umfeld hier in Deutschland, brauchen wir Jugendliche, die für etwas Positives stehen und sich als ein positiver Teil Deutschlands nach Außen präsentieren. Das ist genau die Antwort, die man Rechtspopulisten und Islamophoben geben muss.

Erschienen in der Juli-Ausgabe der Islamischen Zeitung.

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1 Kommentar

  1. Gudrun Dittmeyer says

    Vielen Dank für die kluge Analyse der Situation und die mäßigenden Worte. Das ist genau das Problem: Einerseits die Obsessionen auf beide Seiten: für Deutschland die komplexe Vermischung aus Lösungsproblematik im Umgang mit den Flüchtlingen in Europa, damit einher das (hilflose? indirekte?) Merkel-Politik-Bashing (Sammelsurium aus Bedenken gegen den Deal mit der Türkei auf dem Schlachtfeld der Böhmermann-Satire?, der Armenier-Frage?) und ein wirklich schon übereifriger (dämonisierender?) Blick auf die Person Erdogan in den Medien mit einer an sich einhergehenden berechtigten Kritik an den demokratieschwächenden, sich zuspitzenden Entwicklungen in der Türkei. Und das nochmal verwoben mit den hier in Deutschland lebenden türkischstämmigen Menschen, die ihre eigenen Einwanderungsgeschichten mit sich herumtragen. Eine sensible Mischung, die gerade von den Institutionen auf beiden Seiten differenziert und deeskalierend aufgefangen werden müsste. Aber genau hier versagen Institutionen und Mediensprache auf beiden Seiten. Ich bin darüber besorgt und wünsche mir stattdessen Deeskalation und eine Diskussion, die hinter die Oberfläche schaut und die versteckten Gefühlslagen, aber auch die gegenwärtigen und historischen Fakten stärker berücksichtigt. In Hinsicht auf ein besseres Zusammenleben in der Zukunft.

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