Olivier Roy: „Die Bürokratisierung des Islam durch den Staat hat die meisten praktizierenden Muslime entfremdet.“

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„Erdogans einziges religiöses Instrument ist die Religionsbehörde Diyanet, eine staatliche Bürokratie, die nicht in der Lage ist, die Jugend zu mobilisieren oder eine religiöse spirituelle Wiederbelebung zu fördern.“

Die Bilder vom ersten Freitagsgebet seit 86 Jahren in der Hagia Sophia haben international für kontroverse Reaktionen gesorgt. Auch innerhalb der Muslime wird darüber kontrovers diskutiert. Doch was bedeutet die erneute Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee? Ist es lediglich ein politisches Spektakel oder ein religiös motivierter Schritt? Und was sagt es über künftige Entwicklungen aus? Ich sprach mit dem renommierten französischen Politikwissenschaftler Prof. Dr. Olivier Roy, der sich seit langen Jahren speziell mit dem politischen Islam und islamistischen Bewegungen beschäftigt.

Was ist die Motivation von Erdogan, die Hagia Sophia erneut in eine Moschee umzuwandeln?

Olivier Roy: Es steckt keine religiöse Motivation dahinter, sondern sie ist rein ideologischer Natur. Warum macht er das gerade jetzt und hat es nicht bereits vor 20 Jahren gemacht, als er an die Macht kam? Für ihn symbolisiert dieser Schritt die Rückkehr zum ‚osmanischen Paradigma‘, das seine Außenpolitik seit dem Abgang von Davutoglu dominiert. Dennoch hat diese osmanische Referenz keine Übersetzung in der Innenpolitik, die weitgehend auf einer konservativen Version des Nationalismus basiert. Damit inszeniert er lediglich am Jahrestag des Vertrags von Lausanne, der den neuen internationalen Status der türkischen Republik begründet hat, die vermeintliche Rückkehr zum ‚Osmanismus‘.

Was will er mit dieser Entscheidung kompensieren?

Roy: Er will über seine wachsende Unbeliebtheit hinwegtäuschen. Und es ist auch ein Zugeständnis an die nationalistischen Rechte, auf deren Tagesordnung die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee schon immer stand. Er verlor die letzten Kommunalwahlen in Ankara und Istanbul. Seine Partei hat sich nach dem Austritt der unabhängigen Köpfe wie Davutoglu, Gül und Babacan zu einer Clan- und Familienorganisation entwickelt. Paradoxerweise kontrollierte die AKP niemals das religiöse Feld. Der religiöse Arm der AKP wurde jahrelang von der Gülen-Bewegung geprägt, die Erdogan aber hintergangen haben. Das hat ihn noch paranoider gemacht. Es gelang ihm nicht, die Gesellschaft zu „islamisieren“, außer in einigen eher marginalen Punkten. Sein einziges religiöses Instrument ist die Religionsbehörde Diyanet, eine staatliche Bürokratie, die nicht in der Lage ist, die Jugend zu mobilisieren oder eine religiöse spirituelle Wiederbelebung zu fördern.

Die Hagia Sophia ist seit Jahrzehnten ein Symbol, an dem sich der politische Islam in der Türkei abarbeitet. Erbakan in der Vergangenheit und Erdogan heute propagieren, dass die „Befreiung“ der Hagia Sophia ein wichtiger Schritt für den politischen Islam in der Türkei und auch in der gesamten islamischen Welt sei, um wieder die alte Stärke zu erlangen…

Roy: Steine ​​zu ‚islamisieren‘ ist einfacher als Seelen zu islamisieren. Anscheinend gab es wenig Begeisterung in der Bevölkerung für die erneute Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee. Bei über 16 Millionen Einwohnern, die Istanbul hat, hielt sich die Teilnahme am Freitagsgebet in Grenzen. Und auch im Rest des Landes gab es nicht wirklich große Menschenansammlungen, um dieses Spektakel zu feiern. Die Erzählung des politischen Islam ist schon lange gescheitert. Ich würde sie mit rechten Bewegungen in Europa und speziell in Polen vergleichen, die von einer „christlichen Identität“ sprechen. Es ist eine Mischung aus Notalgie und Zwang, aber sie haben kein Mobilisierungsprogramm für die Jugend und die Zukunft. Religiöse Populisten – ob in der Türkei oder Europa – verlieren die großen Städte, die Intelligenzia und die Jugend.

Darüber hinaus ist Erdogans Türkei kein Leuchtfeuer für den politischen Islam im Nahen Osten. Die arabische öffentliche Meinung kauft die „osmanische“ Erzählung nicht ab. Die Demonstranten in den Straßen von Algier, Khartum oder Bagdad fordern Demokratie. Die Umwandlung der Hagia Sophia und andere Träumereien lassen sie kalt.

Also ist das Spektakel rund um die Hagia Sophia keine Demonstration der Stärke?

Roy: Es ist ein Zeichen der Schwäche. Viele haben die Partei verlassen, und auch den Typus des muslimischen Intellektuellen der 80er und 90er Jahre, die den politischen Islam in der Türkei geprägt haben, gibt es heute nicht mehr. Das Wirtschaftswunder der 2000er Jahre ist tot. Und wir haben auch keine populäre religiöse Wiederbelebung in der Türkei. Die nichtstaatlichen religiösen Netzwerke wie die Gülen-Bewegung wurden zerschlagen, andere wiederrum halten Abstand, wie etwa die verschiedenen Nakschibandi-Orden. Mit einem Wort: Erdogans Aktivismus wird nicht durch eine Mobilisierung der Bevölkerung unterstützt, auch wenn er immer noch eine einigermaßen stabile Wählerbasis hat. Diese Art der ‚religiösen‘ Eskalation wird die Isolation der Türkei im Nahen Osten verstärken. Sie wird die EU, die Russen und die Amerikaner immer mehr vor den Kopf stoßen, ohne allerdings neue Verbündete zu gewinnen. Und das zu einer Zeit, in der türkische Militäraktivitäten in Syrien, Libyen und Kurdistan das Land immer mehr in unruhige Gewässer bringt.

Wenn man sich die Jugend besonders im konservativen und religiöseren Teil der türkischen Gesellschaft betrachtet, sieht man zwei Teile: Ein Teil ist durch die AKP-Propaganda sehr stark ideologisiert, aber immer mehr religiöse Jugendliche sind aufgrund dieses autokratischen Systems und des Nepotismus Erdogans desillusioniert…

Roy: Wir müssen auf die Trends schauen, und der populäre islamische „Moment“ liegt eindeutig hinter uns. Der erste Wahlsieg der AKP ermöglichte es religiösen Menschen, als „Gläubige“ in den öffentlichen Raum einzutreten, aber die Bürokratisierung des Islam durch den Staat hat die meisten praktizierenden Muslime entfremdet. Sie sind nicht unbedingt gegen die AKP und könnten weiter diese Partei vielleicht wählen, aber sie sind zu einer privateren und unpolitischeren Religiosität zurückgekehrt. Wieder einmal hat Erdogan die Unterstützung der Tarikats verloren, denn auch wenn sie sich nicht der politischen Opposition zuwenden, halten sie sich einfach aus der Politik heraus, was für die Türkei etwas Neues ist. Ich denke, man hat die Auswirkungen des Putsches durch die Gülen-Bewegung und die anschließende Unterdrückung nichtstaatlich-religiöser Akteure unterschätzt. Wir neigen wahrscheinlich zu sehr dazu, uns auf die Spannungen zwischen Erdogan und der Intelligenzia in Bezug auf die Meinungsfreiheit zu konzentrieren, ignorieren jedoch, was unter den konservativen religiösen „normalen“ Menschen vor sich geht.

Zur Haghia-Sophia-Debatte:

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